Kultur : Guck mal, wer ich bin

Christina Moles Kaupp

"Wie entflieht man einer Vergangenheit, an die man sich nicht erinnert?" Jeder Psychologe wüsste auf die provokante Frage des Filmplakats, dass Flucht nichts bringt und Heilung harte Arbeit ist. Doch was, wenn das Trauma ein US-amerikanisches ist und der Patient mit seinen verlorenen Söhnen hadert - nicht nur den gefallenen Soldaten, sondern auch den Zehntausenden von McCarthys "Schwarzer Liste"? Tja.

Wie war das damals mit der Kommunistenhatz in Hollywood, als Regisseure, Autoren, Schauspieler einander vor dem "Ausschuss für unamerikanische Umtriebe" denunzierten? Es war eine beklemmende Farce, vor deren Spätfolgen der Zuschauer bis heute nicht verschont bleibt, wie Frank Darabonts Film paradox demonstriert, bedient der Film sein Publikum doch mit viel Patriotismus und den letzten Aufrechten. Jim Carrey leiht einem hoffnungsfrohen Drehbuchautor namens Peter Appleton sein Knautschgesicht. Gerade ist sein erster Film gestartet, ein B-Picture namens "Sand Pirates of the Sahara"; anderntags jedoch wendet sich sein Blatt. Die Kommunistenhatz trifft nun auch noch den unpolitischen Autor, der sich fristlos entlassen ins Alkohol-Nirwana flüchtet, mit seinem Cabrio verunglückt und das Gedächtnis verliert.

Ein alter Mann findet den Bewusstlosen am Strand und schleppt ihn nach Lawson. Jedem im Ort scheint Peters Gesicht vertraut, bis ihn der alte Harry als seinen seit neun Jahren vermissten Sohn Luke identifiziert. So wundersam Lukes Rückkehr auch sein mag, was hat der Kriegsheld bloß in den letzten Jahren getan? Der Zuschauer hat genügend Zeit, darüber zu sinnieren, denn die Bewohner von Lawson feiern ihren Luke ausgiebig. Selbst Adele, Anwältin und Verlobte, glaubt an seine Identität. So frischt Luke die alte Liebe wieder auf und renoviert das neonglitzernde Filmtheater "Majestic".

Bald laufen die ersten Filme, auch "Sand Pirates of the Sahara". Und da sich Luke an Filme besser erinnert als an sein Leben, weiß er plötzlich wieder, wer er war. Bleibt er Luke, um sich in Lawson vor McCarthys Schergen zu verstecken? Nein, er wird bloßgestellt und vor Gericht gezerrt. Dort darf Appleton zeigen, aus welchem Holz er wirklich ist. Siehe da: Ein paar Wochen in Lawson und schon legt er einen unverstellten Blick an den Tag. Dass dabei der Alptraum einer Ära zum fusselfreien Comicstrip verkommt, gehört zu den Risiken und Nebenwirkungen allzu fixer Anamnesen.

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