Kultur : Günter Grass: Reiche Nachbarn

Uwe Schlicht

Wer einen Ort für den neuen Charakter der deutsch-polnischen Beziehungen sucht, kommt nach Frankfurt/Oder, wo auf der deutschen Seite des Grenzflusses die Europa-Universität Viadrina steht und auf der polnischen Seite in Slubice das Collegium Polonicum als Außenposten der Universität Posen. Minsterpräsidenten und Staatsoberhäupter sind den Weg über die Oderbrücke gegangen. Gestern verlieh die Viadrina ihren Preis an Günter Grass.

Wie kann man den Dichter nach dem Nobelpreis noch mit dem Preis einer Universität auszeichnen? Indem man einen prominenten Laudator in der Person von Adam Michnik findet und einen Dichter, der sich auch nach dem Nobelpreis dieser erneuten Auszeichnung bewusst ist. Grass begann seine Dankesrede mit der Erinnerung an den deutschen Überfall auf Polen mit sechs Millionen Opfern. Wer glaube, "diese Last abwerfen zu können, gibt sich als Deutscher auf" sagte Grass. Aber auch die Vertreibung der Deutschen aus Polen am Ende des Zweiten Weltkriegs sei mit Verbrechen verbunden gewesen. Grass verwies aber auch auf die positiven Seiten der deutsch-polnischen Geschichte. Zum Beispiel das Zusammenleben von Polen und Deutschen in Danzig zur Zeit der Hanse: "Wir erkennen, dass wir wechselseitig reicher ausgestattet sind, als wir bisher wahr haben wollten".

In diesem Sinne regte Günter Grass an, den Streit um die "Beutekunst" zu beenden. Jede Seite sollte von nationalen Besitzansprüchen absehen und ein Museum beiderseits der Oder errichten, in dem die umstrittenen Bilder, Manuskripte, Partituren und Bücherbestände einen bleibenden Ort fänden. Kunstwerke seien von ihrer Wirkung her grenzüberschreitend. "Sie dürfen nicht länger Kriegsbeute sein."

Grass wurde mit Ovationen geehrt, als er zum Auftakt des 10-jährigen Jubiläums der Viadrina den Preis entgegennahm. Zuvor hatten sich der deutsche Dichter und der polnische Historiker und Journalist Adam Michnik umarmt. Michnik hatte Grass dafür gedankt, dass er mit Heinrich Böll zum Symbol der deutschen Abrechnung mit dem Nationalsozialismus geworden sei. Das Werk von Günter Grass sei eine "hartnäckige Auseinandersetzung" mit einer Art von Idealismus - der endgültigen Umerziehung des Menschen -, dessen Ende das Konzentrationslager Auschwitz und der stalinistische Gulag markierten.

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