Kultur : Gut & Böse

Als Alterspräsident des Deutschen Bundestags hatte Stefan Heym 1994 noch einmal einen großen Auftritt. Er eröffnete die 13. Legislaturperiode, und dass diese Rolle einem Schriftsteller zufiel, war ein glücklicher Umstand: der Würde dieses Amtes, das auch grundsätzlichere Belange jenseits der kruden Tages- und Parteipolitik im Blickfeld haben sollte, schien das angemessen zu sein. Heym hielt eine Rede, die nachdenklich war und von einem tiefen moralischen Impetus geprägt. Doch als er, ein alter, ergrauter, erfahrungsgesättigter Mann, unter angemessenem Beifall das Podium verließ, rührte sich bei der CDU / CSU-Fraktion keine Hand. Denn Heym war zwar Alterspräsident - aber in der Fraktion der PDS.

Gegen das Kleinkarierte in der Politik ist Stefan Heym immer angetreten, und deswegen hatte diese Situation etwas Symbolisches. Er verkörperte den langsam aussterbenden Typus des eingreifenden Schriftstellers, und dass er 1994 auf der Liste der PDS kandidierte, war für ihn naheliegend. Heym hatte zweifellos moralische Autorität. Er war keine jener schillernden Gestalten, die ihre Rolle innerhalb des Staates immer wieder geschickt ausbalancierten, Heym war weitaus eindeutiger oppositionell als viele seiner Schriftstellerkollegen in der DDR. Aber die PDS war, seiner Meinung nach, im vereinigten Deutschland die Stimme der Schwächeren, und dieser Seite fühlte sich Heym immer verpflichtet.

Davon lebten seine literarischen Texte. Schon "Der Fall Glasenapp", Heyms erster Roman, bezog seine Spannung aus der klaren Unterscheidung zwischen Gut und Böse, aus der atmosphärischen Verdichtung. Hier ging es um den Widerstand gegen den Nationalsozialismus, bald sollte es um den Widerstand gegen den Stalinismus gehen: immer mit den Mitteln des klar konstruierten Plots, der griffigen Story, die Heym in den USA gelernt hatte. Seine Romane sind journalistisch-reportagehaft grundiert, und die fiktiven, handlungstreibenden Elemente haben immer einen Bezug zu konkreten zeitgeschichtlichen Ereignissen.

In der literarischen Tradition hatte diese Form des Zeitromans vielleicht in Lion Feuchtwanger ihren Höhepunkt, und in der DDR wurde diese Form noch einmal aufgewertet, vor allem als Ersatz für die fehlenden journalistischen Hintergrundberichte und als ästhetische Korrektur der DDR-"Öffentlichkeit". Heym war dabei, etwa in "Collin" oder "Ahasver", auch literarisch weit anspruchsvoller als etwa Simmel. Mit dem Tod von Stefan Heym wird bewusst, dass es mittlerweile keine Möglichkeit mehr zu geben scheint, diese literarische Tradition, die des politisch-moralischen Romans, fortzuführen. Journalistisch geprägte Romane gibt es zwar in Hülle und Fülle, aber die Themen und die Schreibhaltung haben sich grundlegend geändert. Das Große und Ganze ist entrückt. Gut und Böse verschwimmen in Grauzonen. Hier scheint wirklich eine Epoche zu Ende gegangen zu sein.

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