Kultur : Habakuk und der Mondspargel

JÖRG VON UTHMANN

Das Centre Pompidou in Paris widmet den Skulpturen von Max Ernst erstmals eine SonderausstellungVON JÖRG VON UTHMANNWo Spies ist, kann Ernst nicht weit sein.Seitdem der deutsche Kunsthistoriker und Ausstellungsmacher Werner Spies zum Direktor des Museums für moderne Kunst im Centre Pompidou ernannt wurde, war das Auftauchen von Max Ernst nur eine Frage der Zeit.Spies ist der große Guru der Ernstologie, seine wissenschaftliche Autorität und seine guten Verbindungen zur Witwe und den Sammlern sind unbestritten und weidlich bekannt, zumal Spies oft und gern von ihnen Gebrauch macht.Die Schwierigkeit ist nur, daß das Centre Pompidou derzeit von Grund auf überholt wird und daher geschlossen ist.Für ihre überaus materialreiche Man-Ray-Retrospektive mußten die Pompidolianer ins Grand Palais ausweichen - schwerlich der ideale Ort für eine wirkungsvolle Präsentation von kleinformatigen Schwarz-Weiß-Fotos.Doch für die Skulpturen von Max Ernst gelang es ihnen, inmitten ihrer Baustelle 1000 Quadratmeter freizumachen - genug für eine umfassende Übersicht und ein gutes Dutzend von Gemälden dazu.Und siehe da: Die Platznot erwies sich als Tugend.Statt wie üblich durch archivalische Nebenflüsse zu waten und sich über didaktische Vitrinen zu beugen, sieht sich der Besucher mit der Hauptsache selbst konfrontiert.Max Ernst hat den Vorteil davon.Natürlich sind viele der - insgesamt 110 - Skulpturen bekannt.Aber sie werden hier zum erstenmal, chronologisch geordnet, als eigenständiger Zweig des Gesamtwerks vorgestellt und nicht als Wurmfortsatz der Gemälde und Grafiken, der Collagen und Frottagen.In Übersichten über das plastische Oeuvre des 20.Jahrhunderts wird Max Ernst meist stiefmütterlich behandelt.Die große Ausstellung im Centre Pompidou, die 1986 die Frage stellte "Was ist das - die moderne Skulptur?", fertigte ihn mit einem einzigen Belegstück ab.Eine andere Ausstellung ("Modern European Sculpture"), die 1979 durch Amerika reiste, behandelte ihn zwar etwas gnädiger, wies aber deutlich auf seine Abhängigkeit von Giacometti hin.Daß er Giacometti viel verdankte, hat Ernst selber nie geleugnet.Seine erste freistehende Plastik stammt, von einer einzigen Ausnahme abgesehen, aus dem Jahre 1934, als er schon weit über 40 war.Für die Surrealisten war die Skulptur kein würdiges Betätigungsfeld.Doch der undogmatische, allem Neuen stets offen begegnende Ernst kümmerte sich nicht um die strengen Regeln der Bewegung.Bei einem Besuch der Giacomettis im Engadin entdeckte er die Wonnen der Bearbeitung von Stein.1938, als sein Freund Paul Eluard aus der Bewegung ausgeschlossen wurde, trat auch er aus.Ein Bildhauer im hergebrachten Sinne des Wortes war Ernst nie.Auch wenn er im dreidimensionalen Raum arbeitete, blieb er seiner Collage-Technik treu.Seine Plastiken sind nicht aus einem Marmorblock gehauen oder aus einem Holzblock geschnitzt, sondern zusammengesetzt.Als Rohmaterial verwendete er gern Flaschen, Becher, Scheiben, Eimer, Werkzeugteile - vorgefertigte Objekte des Alltags, von denen er Gipsabgüsse anfertigte, die er dann in phantasievoller Weise kombinierte.Ein Foto aus seinem Pariser Atelier zeigt einen ganzen Vorrat solcher Objekte, die darauf warten, zu einer Skulptur zusammengefügt zu werden.Die Gipsmodelle wurden von einem Fachmann in Bronze gegossen und auf Wunsch vergrößert.Ernst hatte eine Vorliebe für die Symmetrie und einfache Formen.Doch sind seine Skulpturen nicht abstrakt, sondern erinnern auf drollige Weise an Menschen, Tiere, manchmal auch - wie der "Mondspargel" - an Gemüse.Wie Picasso war Ernst von der afrikanischen Volkskunst fasziniert.Er selbst nannte die Plastik "die einfachste, die primitivste Kunst".Dürfen wir daraus schließen, daß er sie nicht ganz ernst nahm, daß sie zeitlebens eine Spielerei am Rande blieb? Soviel steht jedenfalls fest: Die Alpträume und Ängste, die unheimlichen Visionen in seinen Bildern fehlen in den Skulpturen ganz.Viele sind - und das ist vermutlich der Grund dafür, daß so viele Kunsthistoriker die Nase rümpfen - höchst dekorativ.Die witzigen Titel machen die Sache nicht besser.Ein vier Meter hoher Vogel mit langem Schnabel und aus dem Kopf quellenden Augen heißt "Habakuk".Zwei wurmartige Gebilde werden als "schwesterliche Seelen" vorgestellt, ein geheimnisvoller Apparat aus Holz und Bindfaden - die einzige Max-Ernst-Skulptur, die das Centre Pompidou in seiner großen Umschau vor zwölf Jahren gelten ließ - als "bewegliches, familienfreundliches Objekt".Auch ein "verirrter Chinese" und eine "Mikrobe, durch ein Temperament betrachtet" fehlen nicht.Höhepunkt der Ausstellung ist, wie nicht anders zu erwarten, das "Steinbock"-Ensemble, das Ernst für seinen Garten in Sedona (Arizona) entwarf und das heute, in Bronze nachgegossen, zu den Juwelen des Centre Pompidou gehört.Als er Sedona nach achtjährigem Aufenthalt verließ und wieder nach Frankreich zurückkehrte, konnte er nicht ahnen, daß sich der Ort zum "Kraftzentrum" der New-Age-Bewegung entwickeln würde.Im August 1987, elf Jahre nach seinem Tod, strömten Tausende von Erleuchteten in Sedona zusammen, um den drohenden Untergang der Erde duch Gebete, Meditation und gemeinsames Summen ("vibrational toning") abzuwenden.Das hätte dem alten Dadaisten bestimmt gefallen. Centre Pompidou Paris, bis 27.Juli.Vom5.September bis 28.November ist die Ausstellung in Düsseldorf zu sehen.Katalog 240 Francs.

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