Kultur : Häuser aus Ziegenhaar

Das Vitra Design Museum zeigt das Wohnen der arabischen Welt

Jens Hinrichsen

Ein Pferdekarren poltert durch uralte Gassen im syrischen Aleppo. Ein Beduine lässt im Wüstenzelt Tee in die Gläser seiner Gäste sprudeln. Mit Ferienromantik haben die Videofilme im Vitra Design Museum Berlin allerdings nichts zu tun, denn handfester Alltag wird gezeigt. In über zwei Jahren Recherchearbeit durchstreiften die Kuratoren von „Leben unter dem Halbmond“ riesige Areale Nordafrikas und der Arabischen Halbinsel, um „die Wohnkulturen der arabischen Welt“ zu sichten. Betonburgen ließ man aus. Die kennt man aus dem Fernsehen wie das Neueste von Krieg und Krisenherden. Nein, was an filmischen und fotografischen Skizzen, an Architekturmodellen und Gebrauchsgegenständen zusammengetragen wurde, ist dank seiner Vielfalt und fremdartigen Schönheit atemberaubend.

Dennoch bleibt die Ausstellung durch geschickte Gliederung überschaubar. Sie spannt den thematischen Bogen von den Wurzeln der arabischen Wohnkultur bis zur jüngeren Auseinandersetzung mit der Architektur der Moderne. Und auch ein Pionier wird gewürdigt: Seit den Vierzigerjahren verschmolz der Ägypter Hassan Fathy Bauformen der lokalen Traditionen mit Stilmerkmalen der europäischen Moderne. Das Design-Museum zeigt jüngere Beispiele solcher Architekturen in der Nachfolge Fathys. Als Beispiel von 1979 ist eine Siedlung in Saudi-Arabien zu sehen, im Modell. Dick die Mauern, möglichst klein gehalten die Fensteröffnungen, eng und schattig die Gassen zwischen den treppenartig versetzten Blöcken – seit jeher werden solche Lösungen vom Klima der Wüstenregionen diktiert.

Vor allem überzeugt die Ausstellungsarchitektur. Sie ahmt spielerisch die verwinkelten Straßenzüge orientalischer Altstädte nach. Vitrinen werden zu Fenstern, hinter denen ziselierte Kupferbehälter glänzen oder handgewebte Tücher ausgebreitet sind. Die ebenfalls gewebten „Häuser“, die schwarzen Zelte aus Ziegenhaar, sind baugeschichtlich die ältesten Behausungen, die hier präsentiert werden – in liebevoll nachgebauten Modellen, auf Großfotos oder im Videofilm. Vom sandigen Alltag der Tuareg zeugt eine zwecks Transport auf Dromedaren zerlegbare Holzliege. Hoch geständert, schützt sie die Schläfer vor Skorpionen und Saharastaub.

Von den „Häusern aus Haar“ über Schilfbauten aus südirakischen Marschen spannt sich der Bogen zum vielseitigsten und thermisch günstigsten Baumaterial: Die Rede ist vom Lehm, der „heiligen Erde“. Wie eine Ansammlung riesiger Bienenkörbe ragen die aus Lehmziegeln gefügten Kuppeln aus den Mauern des syrischen Dorfs Djaboul hervor. Ebenso faszinierend die Lehmschichtenbauten der saudischen Asir-Region, deren gleißend farbige Außenbemalungen zu den schönsten Beispielen der Dekorationskunst gehören. Die ist überall Frauensache, wie auch im Fall der rotbraunen, mit Fingern gemalten Wandornamente im mauretanischen Oualata – allerdings verbietet der Islam allzu Eindeutig-Figürliches. Wirken unsere eigenen vier Wände nicht schrecklich unsinnlich dagegen?

Vitra Design Museum Berlin, bis 18, Januar 2004. Di–So 11–20 Uhr, Fr bis 22 Uhr. Katalog in der Ausstellung 39, im Buchhandel 59 €.

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