Kultur : Halbe Steppe

Ballade vom verbrauchten Leben: Andreas Dresens „Willenbrock“

Christiane Peitz

Willenbrock ist ein Steher. Gebrauchtwagenhändler in Magdeburg, hübsche Frau, Eigenheim, Wochenend-Datsche und jede Menge Spaß. Sein Laden läuft, nicht zuletzt dank der Kundschaft aus Russland. In meiner kleinen Stadt, sagt Willenbrock zu Beginn, sind immer alle nur beleidigt. Er kann da nur lachen und lässt sich vom Leben nicht kränken, auch wenn die Einbrüche im Autohof sich allmählich häufen. Kleine Fluchten, keine allzu großen Träume: pragmatisch, praktisch, überlebensklug.

„Willenbrock“ heißt Christoph Heins Roman, den Andreas Dresen nun verfilmt hat. Heins Protagonist ist Melancholiker, ein wenig umständlich und pusselig, wie Heins Erzählweise auch. Dresen hat daraus einen etwas anderen Filmhelden gemacht, ihn vom Roman-Schauplatz Berlin in die ostdeutsche Provinz verfrachtet und von Axel Prahl spielen lassen. Dessen Willenbrock ist prolliger, nassforscher – axel-prahliger eben.

Willenbrock lässt nichts anbrennen. Leistet sich neben der Gattin (Inka Friedrich ) mit Boutique in den Einkaufsarkaden eine Uni-Dozentin für die schnelle Nummer zwischendurch (wunderbar unwirsch: Dagmar Manzel) und für die Romantik eine Studentin (blass: Anne RattePolle), mit der er sich zum Entenfüttern am Elbufer trifft. Er hat sein Leben im Griff – bis es ihm entgleitet. Unmerklich zunächst: ein tödlicher Unfall auf der Autobahn, den er im Vorbeifahren zur Kenntnis nimmt. Ein Künstler, der ihm seinen Wagen verkauft und Ölgemälde vom Tod anfertigt. Und dann, mit Wucht: ein nächtlicher Einbruch im Landhaus. Die flüchtige Verunsicherung weicht schleichender Angst, schließlich nackter Panik. Dresen inszeniert den Überfall als Hitchcock-Szene, mit lauernden Schatten, lauten Schreien und Adrenalinstößen auch für den Zuschauer. Schlaflose Nächte, verstörte Wahrnehmung: Aufmerksam registriert Dresen, wie das gewaltsame Eindringen in die Privatzone, die Missachtung dieser so wichtigen Grenze, eine Existenz nachhaltig erschüttert.

Leider bleibt Dresens Regie unentschieden. Was ähnlich wie sein ErfolgsLowbudgetfilm „Halbe Treppe“ als Sittengemälde vom verbrauchten Leben beginnt, als leicht ironische, aber solidarische Annäherung an den unspektakulären ostdeutschen Alltag, spitzt sich momentweise zum Krimi zu. Aber Dresen verdichtet die Szenen kaum, zeigt zu viele Schauplätze, zu viele Nebendarsteller. Tumbe Polizisten, ignorante Nachbarn, bisschen Studentenmilieu, bisschen Russenmafia. Und der Osten ist einmal mehr gesichtsloses Neuland mit schnell verfertigter Moderne, Container-Büro, Shopping-Mall und Reihenhaussiedlung aus der Retorte, man kennt das, nicht zuletzt aus dem Fernsehen.

Zum Glück gibt es Axel Prahl. Und kleine Kabinettstücke zwischendurch, packende, stillvergnügte, bitterkomischböse. Zum Beispiel die Probefahrt mit Margit Bendokat als renitent misstrauischer Kundengattin. Die Bremsen funktionieren nicht gut? Axel Prahl drückt aufs Pedal und fährt, ohne Worte, los gegen die Wand.

Cinema Paris, Cinemaxx Potsdamer Platz, Delphi, Hackesche Höfe, International, Kino in der Kulturbrauerei, Yorck

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