Kultur : Halbherzig

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Es gab einen Moment in diesem Konzert, kurz vor Ende des ersten Sets, da sollte sich entscheiden, wie es wirklich steht um die World-Jazzer von Oregon nach 32 Jahren des Aneinander-Festhaltens. Glen Moore, der Bassist, hatte sich staksenden Schrittes über die Bühne des Tränenpalasts zum Mikrofon begeben und angekündigt, die Band werde nun frei improvisieren, also, „ein Stück komponieren, nur für Sie“. Das taten sie. Ralph Towner stellte, mal auf der Synthesizer-Gitarre, mal auf dem Keyboard, perkussive Akkorde in den Raum, Multiholzbläser Paul McCandless fielen flugs passende Melodiestückchen ein, Mark Walker legte zartes Handgetrommel darunter und Glen Moore zupfte harmonische Unverbindlichkeiten. Ganz weit aufgesperrt hatten sie ihre Ohren, nichts schien ihnen zu entgehen. Wenn nur das Lächeln in Ralph Towners Gesicht nicht gewesen wäre. Das zeugte von Siegessicherheit und von Routine, zwei Zustände, die dem freien Improvisieren nicht gut tun. Schließlich sollte es dabei um Risiko gehen, um das drohende Scheitern. Aber Oregon spielt eben in jedem Konzert ein freies Stück, und da war es wohl bequemer, die Kontrolle zu behalten und sich in Perfektion zu üben. Paul McCandless, der in den Sechzigern beinahe Oboist der New Yorker Philharmoniker geworden wäre, spielte die lyrischen Passagen so rein, dass sie zu glänzen begannen, und flog dann im Presto auf dem Sopraninosaxophon einfach davon. Mark Walker, der seit fünf Jahren zur Gruppe gehört, verband in seinem Solo nahtlos das Spiel auf dem Schlagzeug mit den Handtrommeln Djembe und Dumbek. Das alles war so schön, dass sich die Fans im Takt wogen. Allein: Überraschen konnten die Musiker damit scheinbar nicht einmal mehr sich selbst.

Johannes Völz

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