Kultur : Halbierte Hauptdarstellerin

Nicola Kuhn

KUNST

Leichenblass lehnt die Künstlerin an der Wand. Kein Wunder: Sie ist in den Mitte längs durchgesägt, ihre beiden bluttriefenden Körperhälften sind bereits merklich gegeneinander verrutscht. Experten des Splatterfilms werden vermutlich sofort erkennen können, welche Horrorszene Sue de Beer hier zitiert. Nichtkenner dieses Genres jedoch verspüren vor allem ein Unbehagen angesichts solch drastischer Darstellungsweisen. Dabei hat die Stipendiatin der American Academy mit Rücksicht auf ihren Sponsor Philip Morris den stärksten Tobak noch zuhause gelassen. In ihrer Ausstellung im Künstlerhaus Bethanien (Mariannenplatz 2, bis 17. November, Mi. bis So. 14-19 Uhr) provozieren nun in abgemilderter Form die blutenden Brüste eines jungen Mannes mit Perücke oder „Sasha La Rose“ mit ihrem vermeintlich abgesägten Unterkörper. Die halbierte Darstellerin raucht gerade eine Zigarette. Ein echter Freak ist hier am Werk: spielt das Stümperhafte des Horrorfilms gegen die eigene hochartifizielle Re-Inszenierung aus, lässt die voyeuristische Lust an Gewaltverbrechen gegen den aufklärerischen Impetus prallen. Dabei scheint nicht ganz klar, ob die New Yorker Künstlerin (Jahrgang 1972) mit ihren großformatigen Fotoarbeiten nun Gesellschaftskritik übt oder selbst der Splatter-Faszination erlegen ist. Parallel zu ihrer Berliner Schau ist das Künstlerbuch „Hans und Grete“ erschienen, das auf einer zurzeit entstehenden Video-Arbeit basiert. Hiermit dürfte der jungen Fotografin und Filmemacherin eine bemerkenswerte Verknüpfung gelingen, denn Hans und Grete – die Alias-Namen von Andreas Baader und Gudrun Ensslin – mutieren bei ihr zu amerikanischen Jugendlichen der Gegenwart, für die Gewalt ein reales Ausdrucksmittel geworden ist. Die RAF und das Columbine High School-Massaker kurzgeschlossen und die deutschen Terroristen von gestern erleben ihre Wiederkehr als verstörte US-Schüler der Neunzigerjahre. Ein Pop-Revival diesmal in der Fotokunst.

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