Kultur : Hallas Mann

Eine Wunderstute machte ihn berühmt. Dann machte er die Reiterei populär in der Bundesrepublik. Nun wird Hans Günter Winkler 80.

Jeannette Krauth

Sie fühlt ihr Herz. Bloß nichts anmerken lassen. Nicht zur Kasse gucken. Auf die Reiter starren. Dann langsam, ganz langsam am Zaun des Trainingsplatzes entlangschieben. Noch einen Meter bis zum Richterhäuschen. Da kontrolliert keiner mehr. Direkt vor ihr heben und senken sich Pferdehinterteile, sie hört den Rhythmus der Hufe. Noch ein Schritt. Geschafft! Sie ist drin: Auf dem großen Aachener Reitturnier. Da vorne reitet Winkler. Der große Hans Günter Winkler, auf seiner Halla, der Wunderstute.

Nachkriegszeit. Es sind die schönsten Sommertage für das Mädchen, diese Reitturniertage. Geld für Eintrittskarten ist nicht da. Das Mädchen ist eins von fünf Kinder, der Vater Schreiner, die Mutter näht in den Nächten. Die Familie ist das, was man kleine Leute nennt. Das Mädchen ist meine Mutter.

Die Szene spielte sich in den späten fünfziger Jahren ab, und noch immer freut sich meine Mutter, wenn sie davon erzählt. Sie war Hans Günter Winkler nah, der war ein Star in diesen Jahren. Es waren schwere Zeiten, das Wirtschaftswunder war ja kein Wunder, sondern harte Arbeit. Gefragt waren Menschen, die hart arbeiteten, solche, die sich aus kleinen Verhältnissen hochschufteten und sich bescheidenen Wohlstand errackerten. Und wer es zu mehr schaffte als zum bisschen Wohlstand, wurde zum Idol. Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler etwa, der eislaufende Traum, Rudolf Schock, der Tenor aus dem Arbeitermilieu, Freddy Quinn, der Seemann aus den Alpen. Und eben Hans Günter Winkler.

Hans Günter Winkler, das war der Fritz Walter des Reitsports. Ein gut aussehender Mann, stets im Anzug, die Haare wie frisch frisiert, mit drei am Oberkopf zusammengeschobenen Wellen. Ein Schönling, aber tapfer. 1956, bei den Olympischen Spielen von Stockholm, hatte er auf Halla, besinnungslos vor Schmerzen, Gold erritten. Richtiger: Halla hatte es erritten. Aber die beiden zusammen waren der Stoff, der zur Verehrung taugt. Und Winkler einer, der zeigte, wie aus einem kleinen Mann ein angesehener wird. Am Montag wird er 80 Jahre alt.

„Das war ja alles Sand hier, einfach nur Sand“, sagt er und zeigt von seiner Terrasse über den Rasen, die Bäume, das ganze Grün, wo zwischen Baumwipfeln die nächsten Häuser nur zu erahnen sind, so groß ist das Grundstück, obwohl Winklers Haus mitten in die kleine westfälische Stadt Warendorf gebaut ist, wenige hundert Meter vom Deutschen Olympiade-Komitee für Reiterei (DOKR) entfernt. Grün-weiß sind die Polster der Gartenstühle gestreift, grün die Fensterläden, weiß die Fassade. Vom Teich her schmatzt es: seine Fische.

Er spitzt die Lippen, beugt sich herab, steckt einen Finger ins Wasser und pfeift. Unterarmlange, dicke japanische Kois schwimmen heran. Der Fetteste von ihnen kommt bis zum Finger, kleinere ihm hinterher, der Dicke stülpt die Lippen. „Der hat rausbekommen, dass er dann mehr zu fressen kriegt.“ Winkler mag Anführertypen. Er selbst ist immer noch der erfolgreichste Springreiter weltweit. Besser als Schockemöhle, Ehning, Beerbaum. Fünf Mal olympisches Gold, fünf Mal Deutscher Meister, zwei Mal Weltmeister. 128 Siege.

Die Reiterwelt hofiert ihn. „Ha-GehWeh ist da“, raunt es, sobald er auf einem Turnier entdeckt wird, HGW, von ihm spricht man in Großbuchstaben. Brötchen werden ihm hinterhergetragen, sein Rat wird gehört, die Kappe gezogen. Ein Beispiel vom Berliner Hallenturnier 2003: Die Springreiterin Helena Weinberg springt ruckartig mitten im Interview in der Loge auf: „Herr Winkler, wie geht es Ihnen?“, und plötzlich wird die Mittvierzigerin zum Schulmädchen.

Sein Vater war Reitlehrer in Frankfurt am Main. Er bekommt sein erstes Pony, Micky. Es ist erschwinglich, weil es die anderen Kinder alle abschmeißt. Genauso kommt Hans Günter Winkler auch später zu Halla. Keiner kann sie reiten, auch er muss zwei Jahre üben, bevor sie zu regulieren ist und nicht mehr kopflos springt. Mit 14 Jahren leitet er, Mitglied in der Reiter-HJ, obwohl der Vater nicht in der Partei ist, nach Schulschluss einen Reitstall. 1940 war das, „sonst war ja niemand mehr da“. Winkler wird mit 17 zum Reichsarbeitsdienst in den Odenwald eingezogen, und wieder entlassen, „der Krieg ist verloren“, doch auf dem Heimweg gerät er in Kriegsgefangenschaft („belgische Hasardeure, die Privatkrieg spielten“). Er flieht, indem er den das Plumpsklo bewachenden Soldaten niederschlägt. Als er zurückkommt nach Frankfurt am Main, ist der Vater tot, die Wohnung der Mutter ausgebombt. Winkler klappert die Pferdefreunde seines Vaters ab, arbeitet erst auf der Galopprennbahn. Als er dort für Ernst Kühlbrandt, damals ein bekannter Pferdemaler, ein Pferd festhält, damit er es zeichnen kann, fragt der Maler den Jungen, was der denn mal werden wolle. Winkler: „Ein berühmter Reiter.“ Frankfurt lag in Trümmern. Etwas Vermesseneres hätte er kaum sagen können, der Stallbursche.

Die nächste Station ist Schloss Kronberg im Taunus, die Gräfin von Hessen, Tochter des letzten deutschen Kaisers. Winkler ist zuständig für den Stalltrakt der Amerikaner, sie haben hier ihr Hauptquartier. „Ich war morgens der Erste und abends der Letzte im Stall“, sagt er. „Ich würde immer Arbeit finden. Sollen wir wetten? Ich, nicht als Winkler, ganz normal, könnte heute zur Regionalzeitung gehen und ich bekäme Arbeit.“ Von seinem ersten Geld, ausgezahlt in Zigaretten, lässt er sich einen Maßanzug schneidern. Er will jemand sein. Zu Winklers Job gehörte es, mit Oberbefehlshaber Dwight Eisenhower, dem späteren US-Präsident, auszureiten. Wie war der so, Eisenhower? Winkler zögert. Dann: „Wie er später regierte, das sah man schon da.“ Er meint 1953 bis 1961, als Eisenhower Präsident ist und ihm Kritiker fehlende Schärfe nachsagen. Einmal, da sei Eisenhower die Gerte auf den Boden gefallen. „Und der hat sich tatsächlich selbst gebückt!“ Nur rübergeguckt hätte er zu seinem Soldaten, der untätig daneben stand. Ein General, der vom Boden hebt statt zu befehlen – das kann Winkler nicht anerkennen.

Irgendwann entdeckt ein Warendorfer Pferdemann Winklers Talent und holt ihn nach Warendorf. Hier soll das Zentrum der Deutschen Reiterei entstehen. Die Schule als Bildungsanstalt war da schon vorüber, sie endet für Winkler mit dem erweiterten Volksschulabschluss, mehr war der Familie nicht möglich. Zwei Jahre nach der Episode mit dem vermessenen Wunsch steht der Pferdemaler von damals am Rande des Reitplatzes, wo Winkler übt. „Da saß ich schon oben, statt unten zu halten“, sagt er. Heute hängen in seinem Wohnzimmer zwei Ölbilder: Halla und Orient, gemalt von Kühlbrandt. Der Stallbursche wurde zum Kunden.

Anfang der 50er Jahre. Winkler, schon Weltmeister, verkehrt mit den Größen der damaligen Republik. Kaminabende und Frühstücke bei Axel Springer, etwa. Ein „Homme au Femme“, ein umschwärmter Mann, sei „ihr Hausgast“ stets gewesen, erinnert sich Rosemarie Springer, damals noch Gattin des Verlegers. „Damen, die er eventuell heiraten wollte, nahm er zuvor mit zu uns“, erzählt die 86-Jährige. „Eine hat sich morgens beim Brötchenschneiden in den Finger geschnitten, da habe ich gesagt: Hans, ich glaub, die lassen wir lieber bleiben.“ Ist auch so geschehen. Vier andere hat er geheiratet.

1956. Die Olympischen Spiele in Stockholm. Im ersten Durchlauf passiert es: Der 13. Sprung, aus Strohmatten gebaut. Halla springt zu hoch, Winkler denkt „Beine zu“, damit er oben bleibt, klemmt die Knie zusammen, zu fest. „In diesem Augenblick spürte ich einen wilden Schmerz in der Lendengegend, als hätte man mir einen Dolch durch den Körper gejagt“, schreibt Winkler in seinen Erinnerungen. Er liegt auf dem Pferdehals, als Halla die Bahn verlässt. Das deutsche Team hat vier Punkte Vorsprung vor den Briten.Winkler will reiten. Nur dann können sie gewinnen. Es gibt keinen Ersatzmann. Wahnsinnig sei gewesen, dass er überhaupt gestartet ist, sagt Rosemarie Springer, die damals im Publikum saß. „Diese Schmerzen! Kein Mensch in der Welt hätte das gemacht.“ Ihre Stimme klingt auch heute noch, 50 Jahre nach diesem Tag, beeindruckt, ist laut und nachsetzend. Winklers Kreislauf kippt weg, ihm wird schwarz vor Augen. Hallas Tierarzt gibt dem Reiter ein Zäpfchen. Spritzt Morphium. Jetzt ist die Betäubung zu stark. Sie flößen ihm Kaffee ein, einer hält den Kopf hoch, ein anderer schüttet. Dann wird Winkler auf Halla gehoben. Dem Publikum sagen sie: „Eine Sehne ist gerissen.“ Es war ein Muskelriss im Bauch. Winkler schreit bei jedem Sprung, Halla macht keinen einzigen Fehler. „Sie hat ihn zur Goldmedaille getragen. Das war ein so sagenhaftes Pferd“, sagt Rosemarie Springer. Es ist dieser Erfolg, der Halla zur Wunderstute und Winkler zur Legende macht.

1960. In Aachen kauft die Familie meiner Mutter das erste Auto. Ein olivgrüner VW Käfer, gebraucht. Die Großmutter übt das Fahren auf einem Parkplatz. Die Kinder werden flügge, sie heiraten Techniker, Lehrer, Steuerberater. Alle Schichten erfahren einen Zuwachs an Hab und Gut und Wissen. Und auch die Promis sind weitergezogen. Winkler beschreibt sein Leben zu der Zeit als „Jetset“, er sei ein „Popstar“ gewesen. Das hat sich gehalten. Noch heute kommen Karten an, auch für Halla, die schon 27 Jahre lang tot ist. Vier Häuser haben ihm Fans vererbt. Er kannte keinen persönlich.

Winkler hat Schüler und verliert viele davon, er ist streng. Alwin Schockemöhle, der ältere Bruder Pauls, ist einer von denen, die durchhalten. In den Mittagspausen steht er am Reitplatz, um Winkler zuzusehen. „Der Chef ritt immer, wenn die anderen Pause machten, um ungestört zu sein.“ Mit den Brüdern Schockemöhle wächst eine neue Reitergeneration heran. Die Jungen lehnen sich gegen den Altmeister auf, Winkler soll Olympia ’72, München, nicht im Team reiten, ja, soll sogar nie mehr ein Amt im Sport bekommen. Zu dominant sei er. Aber der Aufstand scheitert. Winkler reitet so gut, dass sie an seiner Leistung nicht vorbeisehen können. Immer hat er ein Pferd, das ganz oben mithalten kann. Über das er bestimmt. Ohne Sponsoren. Doch schließlich sind es die Rebellen, die sich besinnen: Es kann nicht sein, dass einer wie Winkler kein Amt mehr bekommen darf, sagt Paul Schockemöhle. Winkler ist auch heute noch Mitglied im Springausschuss, der bestimmt, wer für Deutschland reitet.

„Kommen Sie“, sagt Hans Günter Winkler, tritt über dicke Teppiche, vorbei an einem Esstisch. Papierschnitzel liegen darauf, viereckig sauber ausgeschnitten, beschriftet mit den Namen der Gäste. Die Sitzordnung seiner Geburtstagsfeier soll festgelegt werden, daneben sind auf einem großen Bogen Papier die runden Tische aufgemalt. Mit „Hast Du die Namen nummeriert?“ hat er eben noch die junge Frau in den Feierabend verabschiedet, die sein Büro leitet. Winkler öffnet eine schwere Tür, dann steht man im Kühlraum: rote Wände, Glasregale, 16 Grad sind es hier nur, und alle Wände und der mittige Tisch sind voll gestellt mit Siegerschalen und Pokalen. Weltmeistertitel, Olympia, das Bundesverdienstkreuz. „Silber läuft nicht so schnell an, wenn man es kühlt“, sagt er. Das mit der Gradzahl hat ihm mal ein Juwelier verraten.

Die achtziger Jahre. 1986 reitet Winkler sein letztes Turnier. Er wird Geschäftsmann und verlässt sich auf seinen Namen. HGW, seine Initialen, sollen die Marke sein. Er lockt Investoren zu Reitturnieren, veranstaltet selbst Turniere. Er erfindet Turnierserien für Nachwuchsspringreiter. Alle die, die heute im Springsport vorne reiten, sagt der Geschäftsführer des DOKR, Reinhard Wendt, „sind durch die Mühle der Winkler-Prüfungen gegangen.“

Während Winkler sich neu erfindet, baut meine Mutter mit meinem Vater ein zweites Haus. Freistehend statt Reihe, Wiese drumherum, zwei Kombis davor. Die Enkel des Schreiners, dessen höchster Luxus Sahne war, studieren.

Disziplin. Kein Wort kommt häufiger vor, wenn man über Winkler liest, ihn befragt oder Dritte über ihn erzählen. „Hier sehen Sie“, mit exakter kleiner Kugelschreiberschrift sind Termine des 79-Jährigen eingetragen, „jeden Tag bis 22, 23 Uhr“ arbeite er, morgens und nachmittags sei er im Stall. Seine Geschichte baut auf die Wirtschaftswunder-Werte: Fleiß, Sorgfalt, Durchhaltewillen. Es ist eine westdeutsche Geschichte. Nur in der Bundesrepublik wird der Pferdesport so stark, reiten Deutsche jahrzehntelang an der Weltspitze. In der DDR war privater Pferdebesitz unüblich. Winkler steht für den Aufbau, wie er im Westen passierte: für Marktwirtschaft und Aufstieg.

Eine weiche Seite Winklers erfährt man nur, wenn man mit ihm über Halla oder Frauen spricht. Seine Leidenschaften. Weshalb fand er Halla so intelligent? Dann erzählt er etwa die Geschichte, dass Halla schon als Fohlen die Fahrzeiten der Bahnstrecke neben der Weide kannte und eben über die Gleise gehopst sei, wenn kein Zug kam, auf eine andere Koppel. Dieses „raffinierte kleine Ding“. „Und, finden sie das normal für ein Pferd?“, fragt er. Die Statue von Halla, die in Warendorf steht, die er beim Vorbeigehen mit „Tag Halla“ begrüßt, bekommt jedes Jahr im Winter von ihm eine Decke aufgelegt, Schriftzug „HGW“.

Irgendwann mit über vierzig sitzt meine Mutter auf unserem Pferd und trabt über die Wiese neben unserem Haus. Als Winkler vor ein paar Jahren aufhört zu reiten, weil nach einem Sturz „von einem grünen Pferd“ sein Rücken nicht mehr mitmacht, ist Reiten zum Breitensport geworden. Über 760 000 Menschen reiten in Vereinen. Kaum eine Sportart hat der allgemeine Zuwachs an Geld und Freizeit für alle Schichten so verändert. Reitstunden sind per 10er-Karte zu kaufen, wie der Eintritt ins Freibad. Gleichzeitig sind die Grenzen zum Leistungssport scharf geblieben. Im internationalen Reitsport kann nur mithalten, wer zwei, drei Ausnahmepferde hat, die so an die 10 000 Euro Unterhalt im Spitzentrainingsstall pro Jahr kosten, plus Lkw, Hotel und Fahrt zum Turnier, mehrmals im Monat. In kaum einem Sport bleibt der Schritt von der Regionalikone zum wirklichen Spitzensport so schwierig. Und diese Grenze, die immer da war, die hat damals Hans Günter Winkler einfach durchbrochen. Mit seiner Härte gegen sich selbst, seinem sturen Kopf, dem ausgeprägten Ego, dem Bogen um Abhängigkeiten und der Gabe, immer wieder Pferde mit Potenzial zu erkennen. Wie Halla eben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben