Kultur : Halleluja bei „Ilses Erika“

Leipzig kuschelt: Die Buchmesse freut sich über stetig wachsenden Erfolg

Marius Meller

Halbwüchsige in grellen Manga-Kostümen durchflirren die Massen von Literaturfreunden. Sonnabend ist Manga-Tag. Wer ein schrilles Outfit im Stil der japanischen Comic-Kunst vorzuweisen hat, darf gratis in die heiligen Hallen. Den normaler gekleideten Messebesuchern gefällt’s. Hier ist man Literaturmensch, hier darf man’s sein. Jeder darf Literaturmensch sein.

In den letzten Jahren stiegen die Besucherzahlen der Leipziger Buchmesse kontinuierlich, und auch diesmal werden wohl wieder mehr Messegänger gezählt werden. Durch das massenhafte Rezitations- und Diskussionsprojekt „Leipzig liest“ mit über 800 Veranstaltungen werden alljährlich mehr Leute zur Literatur bekehrt, die dann gerne auch mal die Messehallen besuchen. Die Leipziger Schulen haben messefrei, und die Schüler kommen gleich busweise. Die Pessimisten sagen: um die Statistik nach oben zu treiben. Die Optimisten verweisen auf die pädagogische Ambition.

Leipzig ist mit seinem Lesemarathon und fast 200 anwesenden Autoren im Vergleich zu Frankfurt traditionell die Wohlfühl-Buchmesse, auf der Literatur weniger gehandelt als angewendet wird. Und die Messe mit vielfältiger Autoren-Kuschelmöglichkeit.

Der deutsch-türkische Schriftsteller Feridun Zaimoglu („Leyla“) ist auf der Titelseite der „FAZ“-Literaturbeilage gelandet und auch deshalb einer der Messe-Stars. Sein Konterfei prangt auf Zimmertapetengröße hochgezoomt am „FAZ“-Stand. Glücklich und erschöpft steht er um ein Uhr morgens mit Rollköfferchen vor dem Club „Ilses Erika“, wo sich die Literaturwelt bis in die frühen Morgenstunden feiert und mit normalen Leipziger Clubbesuchern vorteilhaft vermischt. Zaimoglu hatte einen langen Tag, bedankt sich noch schnell herzlich für eine Rezension und verabschiedet sich mit einem segnenden „Halleluja“. Zaimoglus Familienroman über seine türkischen Vorfahren verzaubert die Literaturwelt. Auf eine indirekte Art ist er ein deutscher Roman – denn er erzählt die Vorgeschichte der türkischen Gastarbeiter, deren Ankunft Deutschland zum Einwanderungsland werden ließen.

So verwies Ex-Kulturminister und Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin, der am Freitag mit dem ehrwürdigen Soziologen Ralf Dahrendorf und Junghistoriker Paul Nolte in der Reihe „Reden über Deutschland“ debattierte, auf die grundlegende Veränderung der deutschen Gesellschaft durch die Tatsache der Multikulturalität. Drei Liberale, die sich prächtig verstehen: Für Ralf Dahrendorf, der sein neues Buch „Versuchungen der Unfreiheit“ (vgl. Literatur Seite 28) mit im Gepäck hatte, muss die Entscheidung zwischen Freiheit und Gleichheit zu Gunsten der Freiheit ausfallen. Für Nida-Rümelin gehören beide zusammen und bedingen sich notwendig. Paul Nolte plädierte für die Lockerung des festgefahrenen Sicherheitsdenkens zugunsten einer größeren Risiko- und Chancenfreudigkeit.

Nach der Veranstaltung verteilte das Jungvolk der national-konservativen Wochenzeitung „Junge Freiheit“ Freiexemplare und wurde von den Saalordnern diskret vor die Tür komplimentiert. Im Vorfeld der Messe hatte es Streit über die „Junge Freiheit“ gegeben. Die Messe verweigerte der Zeitung einen Stand, weil sie bei deren geplanter Festveranstaltung zum 20-jährigen Bestehen Gegendemonstrationen befürchtete.

In einer großen Anzeigen- und Unterschriftenaktion unterschrieben „Junge Freiheit“-Sympathisanten von Eckhard Henscheid bis Joachim Fest gegen die Verweigerungstaktik der Leipziger Messe. Schließlich durfte die Zeitung doch ihren Stand auf der Messe aufbauen. Die autonomen Linken haben das offenbar nicht mitbekommen, es gab keine Gegendemo, kein Polizeiaufgebot. Die „Junge Freiheit“ ging wohltuend im fröhlichen Messe-Pluralismus unter. Die kurze Halbwertszeit der Zeitungs-Aufregungen wurde auch dadurch prägnant, dass die Debatte über den Karikaturenstreit auf der Messe völlig fehlte.

Die positiven Buchhandelszahlen, die zu Beginn einen Euphorieschub auslösen sollten, wurden auf der Messe gelassen registriert. Das Wachstum von einem guten Prozent zeigt allenfalls die Konjunkturabhängigkeit des Buchgeschäfts wie jedes anderen Marktes. Sinken die Zahlen, warnt man allerdings umgehend vor der kulturellen Apokalypse.

Selbstbewusstsein und Stabilität zeigte die Veranstaltung auch durch die Etablierung des „Preises der Leipziger Buchmesse“, der seit vergangenem Jahr mit dem „Deutschen Buchpreis“ der Frankfurter Messe konkurriert. Die Entscheidungen für den Romancier Ilija Trojanow und den Essayisten Franz Schuh sind seriös wie respektabel. Multikulturalismus, Pluralismus sind eben Hexenkessel oder blühender Garten. Ralf Dahrendorf würde sagen: Wir können uns entscheiden.

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