Kultur : Halloween am Wörther See

GREGOR DOTZAUER

Um von den vier Tagen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs ohne Todesverachtung für die deutschsprachige Gegenwartsliteratur zurückzukehren, muß man vermutlich schon Wochen zuvor jede Lektüre einstellen. Man darf kein Buch, keine Tageszeitung, nicht einmal die Fernsehzeitschrift zur Hand nehmen. Man muß also am besten vierzig Tage in geistiger Dürre leben, um danach jedes Wort so aufzusaugen, als wäre es eine Offenbarung: Noch die schlimmsten Stilblüten würden wie literarische Orchideen erscheinen. Macht natürlich keiner. Statt dessen blättert man im österreichischen Weltblatt "News" und findet es in seinem Rumpfdeutsch hundertmal anregender als ein Stück lyrischer Vergeblichkeitsprosa, das sich jemand in einem Ostberliner Hinterhof abgequält hat. Oder man begeht den schrecklichsten aller Fehler: Man besorgt sich am Bahnhofskiosk die neueste Ausgabe des New Yorker (21. und 28. Juni), in der Bill Buford "20 Writers for the 21st Century" versammelt hat: von David Foster Wallace über Sherman Alexie bis zu Rick Moody lauter junge Erzähler, die mindestens jeden zweiten der 16 Klagenfurter Wettbewerbsteilnehmer in eine mittelschwere Schaffenskrise stürzen müßten.

Was tat die Jury? Sie verzärtelte das bestenfalls Gutgemeinte und versuchte, noch in der schwächsten Prosa die Stärken ausfindig zu machen und den geheimnislosesten Texten mit dialektischer Gewalt ihr Geheimnis zu entreißen. Sie konnte aber auch nicht (ganz) anders. Denn sie selbst hatte ja wie immer die Kandidaten ausgesucht. Jeder der sechs Juroren - Thomas Hettche, Silvia Bovenschen und Iris Radisch aus Deutschland, Ulrike Längle und Robert Schindel aus Österreich sowie Dieter Bachmann und Hardy Ruoss aus der Schweiz - brachte zwei oder drei Autoren mit. Rückhaltlose Ehrlichkeit hätte ausgesehen wie Verrat. Nur daß sich nicht einmal aus dem Publikum die Andeutung eines Pfiffs erhob oder ein Buh, das spricht entweder für die falsche Andacht, mit der die Literaturvermittlung behaftet ist, oder für ein Erregungspotential sogar der schlechtesten Texte unter Null.

Aber darf man das alles überhaupt noch einmal schreiben? Wird nicht jedes Jahr der Bachmann-Wettbewerb von einem Kritiker mit guten Gründen so niedergeknüppelt, daß er nie mehr auf die Beine kommen dürfte? Betreiben insgeheim nicht auch die Lektoren und Verlagsleute ein Bachmann-bashing? Hat das Ganze nicht etwas von einem Horror-Schauspiel, das kein Kruzifix, kein Messer und keine Kugel beendet, sondern Fortsetzung um Fortsetzung produziert? "Halloween am Wörther See - Teil 23": War es dieses Jahr nicht wieder etwas in dieser Art? Und wie oft soll man den armen Deutschen, den Österreichern und den Schweizern (Kinder, die Schweizer!) eigentlich noch mit Amerika kommen, dessen literarischer Reichtum, wie der New Yorker von neuem beweist, auch nicht nur aus geradlinigem Storytelling besteht?

Es ist keine Frage, daß der BachmannWettbewerb sein Daseinsrecht seit Jahren vor allem daraus bezieht, dem Literaturbetrieb einen Ausflug ins Kärntner Land zu verschaffen, bei dem mehr Kontakte entstehen als bei der Frankfurter Buchmesse. Es ist aber durchaus eine Frage, ob sich die wichtigste Veranstaltung für deutschsprachige Autoren im herrschenden Kulturkampf ergeben soll, nur weil es ihr auf keiner Ebene gelingt, mit den gegensätzlichen Ansprüchen der Verhältnisse umzugehen. Sie hat dem Markt nichts zu bieten, doch auch nichts der Kunst. Kaum einer der Texte erlaubt es, ohne beim Elitismus eines Botho Strauß zu landen, an einem hohen Begriff von Literatur festzuhalten, der sich nicht umgehend lächerlich machen würde. Viel zu oft sind sie ahnungslos für die Möglichkeiten von Sprache, die nicht in einer Form von höherem Journalismus aufgeht, und erinnerungslos in Bezug auf die Tradition - oder angestrengt und verblasen.

Mit anderen Worten: Man kann angesichts der Bachmann-Texte bis ans Ende aller Tage darüber klagen, daß die Deutschen nicht erzählen können, und ihnen das abfordern, was ihnen in den öffentlichen Diskussionen am häufigsten abgefordert wird: mehr Story, mehr Witz, mehr Tempo, mehr Pop, und es ist typisch, daß die beiden Autoren, die das auf unterschiedliche Weise verwirklichten, trotz des größten Wohlwollens leer ausgingen. Die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer erzählte in "Mein Mörder", einem Romanausschnitt, in wunderbar alltäglichen Sätzen aus der Perspektive eines Jungen von einer Familie, in die die junge Freundin des Vaters von der Mutter so selbstverständlich aufgenommen wird, als würde es keinerlei Spannungen geben. Und der Berliner Tausendsassa Thomas Kapielski räumte gleich am Eröffnungstag ab, indem er eine bierselige Einladung zu einer Bestenlisten-Diskussion des SWF nach Baden-Baden in so rotzigen Anekdötchen rekapitulierte, daß selbst den Juroren die Lachtränen in den Augen standen. Gleich darauf brandmarkten sie Onkel Kapielskis Schnurren als "selbstreferentiell", obwohl er jede Szenerie außerhalb des Literaturbetriebs ähnlich komisch hätte schildern können, und wünschten sich, seinen Auftritt erst zum Schluß, zur Entspannung, erlebt zu haben. Soll sein. Jeder bestraft sich selbst am härtesten.

Der Preis der Sehnsucht nach Komplexerem ist es dann, Thomas Jonigks hundsmiserable Schwulenprosa inklusive Klappensex zwischen Blut, Kot und Erbrochenem als Reflexion über das Verhältnis von Opfer und Täter zu lesen und als endzeitliches Arrangement in einem enthumanisierten Universum. Lebenswelt, bitte draußen bleiben! An Christian Mährs gleichmütig dahinklappernder Erzählung "San Borondon" über eine phantastische Insel, die nur Auserwählte sehen können, beißen sich die Juroren die Zähne aus, weil sie von einem Ich erzählt wird, das als Beruf Unterhaltungsschriftsteller angibt und deshalb die wahre Intelligenz des Autors Mähr vielleicht verschleiert.

Schon die kleinmütige Präsentation der Veranstaltung definiert das Niveau vieler Beiträge. Das beginnt mit Silvio Donatis prätentiösem "Concerto per Ingeborg Bachmann", das am Eröffnungsabend eine Rezitatorin, einen lausigen Cellisten und einen Pianisten für ein Viertelstündchen mit modernistisch hingehauenen Intervallabgründen und weichgespültem Pianojazz aus der ferneren Umgebung von McCoy Tyner zusammenspannte. Und es geht weiter mit den kurzen Fernsehporträts der Autoren, die kein Text- und Bildklischee auslassen. Dichter, erfährt man da, erwachen in ihren Hinterhöfen selten vor zwölf Uhr mittags, streifen ziellos durch die Städte oder bewegen sich auf einsamen Spaziergängen durch die Weiten der Natur. Aber bitte mit Erik Satie im Hintergrund! Und dann hört man, wie bei Katharina Hacker, was sie zu sagen haben: "Ein Hund könnte jetzt bellen, das Licht angehen im Nachbarhaus, manchmal höre ich laute Schritte von der Straße, einen Schrei, laufe zum Fenster, lausche; dann klirrt Schotter, Autotüren schlagen zu, oft ist es der Wind, der mich täuscht, derselbe Wind, der im Juni den Geruch blühender Bäume bis in den Hof bläst." Zuschauen - Entspannen - Nachdenken: Unsere kleine Elegie zum Sendeschluß.

Eine hoffnungslose Bescheidenheit, die sich zugleich nach dem Universalen streckt, spricht aus vielen Texten, und die Autoren wirken wie Fachverkäufer in einem Kaufhaus der Literatur: Dort vorne, gleich neben der Gardinenabteilung, steht unsere Frau Ruth Erat mit Handgesticktem aus den Appenzeller Landen! Und da, in der Skateboard-Abteilung, versorgt Sie unser Herr Kunkel, der Turnschuhtyp, mit Losergeschichten für die nachwachsende Generation! Und am Ende des Gangs, zwischen den Kunstdrucken, sehen Sie unsere Frau Görg, die sich mit Schicksalen von Museumswärtern aus dem Mittelalter-Saal beschäftigt!

Patricia Görg erhielt für ihre kulturkritisch angehauchte Hauptsatz-Prosa, die jahrhundertealte Glücksallegorien mit den Showversprechen des "Glücksrads" kontrastierte, immerhin das neugeschaffene Stipendium der Telekom Austria. Und der 36jährige Thor L. Kunkel (demnächst in der Reihe Rowohlt paperback) gewann mit seinen drogenvernebelten Erinnerungen an eine Jugend in der Frankfurter Vorstadt den Ernst-Willner-Preis. Sein Text war vom Ton her und von den gegeneinander montierten Schichten der jüngste. Aber wenn man ihn literaturgeschichtlich verankern wollte, wäre Kunkel sicher auch gut und gerne dreißig Jahre älter - mit Jörg Fauser, William S. Burroughs und Charles Bukowski als Zechbrüdern am Tresen.

Der 3sat-Preis für den Schweizer Christian Uetz war eher eine Anerkennung für seine früheren lyrischen Performances: Was er in Klagenfurt vortrug, war vor allem die wortklauberische Illustration einer sprachphilosophischen Theorie, die vielleicht, wie Robert Schindel mutmaßte, der Hegelschen Logik entsprang, vielleicht aber auch das nie Einholbare der Derridaschen différance meinte. Nun ja: In der endlosen Kette der Negationen war das nur schwer auszumachen, und der ästhetische Eigensinn dieser Prosa allein ihr Klang. Auch Stefan Beuses Erzählung "Verschlußzeit" hatte etwas absichtsvoll Verrätseltes, das den Juroren den Preis des Landes Kärnten wert war. Die wichtigste Auszeichnung aber, der Ingeborg-Bachmann-Preis, ging für die Erzählung "Der Fall Ophelia" zu Recht an die 1971 geborene Ungarin Terézia Mora, die einzige wirkliche Entdeckung des Wettbewerbs. Wie die 28jährige da, aus der Perspektive einer jungen Schwimmerin, mit ein paar bildstarken Motiven das Leben in einem ungarischen Heilquellendorf evoziert, in dem sie die Fremde ist - das hat etwas Fließendes und Eindringliches zugleich. Und läßt sich demnächst in ihrem Prosaband "Seltsame Materie" bei Rowohlt überprüfen.

Das Erstaunlichste und Befreiendste ist vielleicht, daß - wie in England oder Amerika - jetzt auch in der deutschen Literatur Autoren nachwachsen, die als Immigranten das Bild der alten Nationalliteratur zerstören. Neben Terézia Mora waren das die in Berlin lebende Rumänin Aglaja Veteranyi und der gebürtige Russe Vladimir Vertlib aus Salzburg. Das ist im einzelnen auch nicht immer überzeugend, aber verspricht zumindest für die Stoffe einiges.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben