Kultur : Hamsterhorror

Meg Stuarts „Replacement“ an der Volksbühne

Sandra Luzina

Die Menschenversuche an der Volksbühne werden fortgesetzt. Schon Marthalers „Fruchtfliege“ war so ein musikalisch-biologisches Forschungsprojekt. Die Choreografin Meg Stuart ist nun ausgezogen, das Fürchten zu lernen. Sie belässt es nicht bei harmlosen Fliegen-Mutanten, sie lässt die Monster los. Drei Jahre hat Stuart am Zürcher Schauspielhaus gearbeitet, nun hat die Amerikanerin als Artist in Residence an der Volksbühne angedockt. Für ihre erste Berliner Premiere hat sie ihr Ensemble neu formiert: Die Männer hätten das Casting für einen Horror-Movie oder sogar eine Houellebecq-Literaturverfilmung sofort bestanden. Während die dunkelhaarigen Frauen sich unbedingt für einen Psychoanalyse-Reißer qualifizieren würden: Wer ist die aufreizendste Hysterikern?

Meg Stuart will die Schreckenskammer unserer verdrängten kollektiven Ängste aufstoßen – doch da lauern nur Trivialmythen. Ein kleiner Horrorladen mit vertrauten Folterkammer-Effekten. Meg Stuart gilt als Philosophin des Schmerzes. Dramatisch an ihren bisherigen Tanzstücken sind: die Gewalt der Blicke, die Verrückungen und Entstellungen der Körperordnung. In „Replacement“ aber sind die Akteure dazu verdammt, als Psycho-Freaks um die Wette zu toben. Wenn sie sich nicht autoaggressiv entladen, springen sie sich gegenseitig an die Kehle.

Eine riesige Trommel, die wie ein Hamsterlaufrad anmutet und sich auch bald zu drehen beginnt, steht in der Mitte der Bühne von Barbara Ehnes. Hier finden die seltsamenVersuche statt, unter zunehmend erschwerten Bedingungen. Die Akteure werden von Kameras überwacht, von außen beobachtet ein sinistrer Supervisor das Verhalten der Probanden, greift dann und wann ein – wie ein Regisseur.

Videokünstler Chris Kondek sorgt für die größten Schockmomente: durch Morphing werden menschliche Gesichter zu Monsterfratzen verzerrt. Kondek hatte aber auch die Patientenbilder aus der grausigen Frühgeschichte der Medizin im Sinn. Eine durchschaubar undurchsichtige Dramaturgie gefällt sich in immer neuen Mystifikationen – und produziert Leerlauf. Die Zuschauer haben in einen Abgrund geschaut – aus gähnender Langeweile.

Wieder am 13. und 20. Januar

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