Kultur : Hans Kudszus: Der Zwischendenker

Rdh.

Er war einer der eigentümlichsten Köpfe, die je in dieser Zeitung geschrieben haben. Ein rundes Vierteljahrhundert lang, von 1947 an, hat Hans Kudszus im Tagesspiegel ausschließlich philosophische Rezensionen veröffentlicht - und, dies vor allem, Aphorismen. Ein eigenwilliges, querdenkerisches Autorenleben, das sich in zwei Leidenschaften erfüllte: Der Beschäftigung mit den Denkentwürfen der Philosophen und Ideologen und diesen Denkpunkten, von denen aus er in wenigen Zeilen ganze Wirklichkeits-Partien neu beleuchtete. Von Kudszus stammt das lakonische Wort, es sei "das beste an zwei Stühlen ... , das man zwischen ihnen sitzen kann", für ihn, den Schleswiger aus kleinen Verhältnissen, den Studenten ohne Examen und Doktor, der Lebensentwurf. Blättert man in den Archivmappen mit seinen Beiträgen, so staunt man über die intellektuelle Lebendigkeit des Berliner Lebens der ersten Nachkriegsjahrzehnte und das hohe Niveau, auf dem es in dieser Zeitung reflektiert wurde. Es waren wohl Ernstfall-Zeiten - was Kudszus am sanften Spott nicht hinderte: "Wenn kein Hecht im Karpfenteich ist, verfallen die Karpfen auf die Frage nach dem Sinn des Lebens". Ein Buch mit einer Auswahl seiner Aphorismen "Jaworte, Neinworte" ist längst vergriffen. Ein kleiner Verlag versucht sich im Moment daran, Kudszus wiederzuentdecken. Am Sonnabend wäre diese "Berliner Denk-Figur" (Dieter Hildebrandt) hundert Jahre alt geworden.

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