Hans Küng : Der große Kommunikator

Im Dialog mit Religionswissenschaftlern und Religionsvertretern, mit umfassenden Studien zu den Weltreligionen und dem Einsatz visueller Medien hat er Maßstäbe für Offenheit gesetzt: Dem rebellischen Theologen Hans Küng zum 80.

Hermann Häring
Kueng
Ende 1978 verlor Hans Küng die kirchliche Lehrerlaubnis. -Foto: dpa

Vor einem Jahr machte eine Fotomontage der „Stuttgarter Zeitung“ über Tübingen die Runde. Zu sehen war die allseits bekannte Neckarfront, in den Wolken darüber die Häupter von Ernst Bloch, Walter Jens und Hans Küng. Bloch ist seit gut 30 Jahren tot und Jens, inzwischen 85, von schwerer Krankheit gezeichnet. Nur Hans Küng, der heute 80 Jahre alt wird, erfreut sich guter Gesundheit. Noch immer beschäftigt der mit vielfachen Auszeichnungen geehrte Theologe fünf Personen, kann sich vor internationalen Einladungen kaum retten, und die Produktion seiner Bücher ist nicht zu stoppen: Im Augenblick schreibt er am dritten Band seiner Memoiren.

Die Titel der bisherigen Bände geben Hinweise auf die Spannungen und Konflikte seines Lebens. „Erkämpfte Freiheit“ heißt der erste: Im Eidgenossen aus der Mittelschweiz erwacht früh ein politisches Bewusstsein. Er studiert Philosophie und Theologie in Rom und landet mit 29 Jahren seinen ersten wissenschaftlichen Coup. In seiner Dissertation erklärt er die Rechtfertigungsfrage, den zentralen Streitpunkt zwischen katholischer und evangelischen Kirchen, für gelöst. Seit 1960 lehrt er in Tübingen, dessen Ehrenbürger er ist und wo er bis heute lebt.

Zunächst arbeiten die Zeiten für ihn. Er trägt den neuen Schwung des Vatikanischen Konzils (1961–1965) mit, und das Konzil trägt ihn. Systematisch besetzt er die großen Reformthemen der katholischen Kirche, bis hin zu Zölibat und Frauenordination. Aber die Konflikte verschärfen sich, 1970 stellt Küng gar die päpstliche Unfehlbarkeit zur Diskussion. Er ließ, wie Walter Jens damals schrieb, eine Rakete steigen, die für katholische Gemüter ihresgleichen suchte. Die Zeit der „Umstrittenen Wahrheit“ – so sein zweiter Memoirenband – beginnt.

Trotz scharfer Pressionen korrigiert er seine Positionen nicht und führt seine Vorstellungen umfassend aus. „Christ sein“ (1974) und „Existiert Gott?“ (1978) werden zu Bestsellern. Ende 1978 sorgt Johannes Paul II. für einen Eklat: Der Reformer Küng wird zum untragbaren Rebellen gestempelt und verliert die kirchliche Lehrerlaubnis – die wichtigste Zäsur seines Lebens. Den römischen Segen verliert er, aber er bleibt Theologe, und der kirchliche Reformstau bestätigt seine Glaubwürdigkeit. Unmerklich wächst seinem Programm eine globale gesellschaftspolitische Bedeutung zu.

Das Geheimnis seines Erfolgs sind unter anderem sein Gespür für Themen und die klare Sprache, die sein Markenzeichen wird. Nahezu alle seine Bücher werden in die Weltsprachen übersetzt. Im Dialog mit Religionswissenschaftlern und Religionsvertretern, mit umfassenden Studien zu den Weltreligionen und dem Einsatz visueller Medien setzt Küng Maßstäbe für Offenheit; seine Auseinandersetzung mit Philosophie und Kulturpolitik, Literaten und Künstlern verhindert betriebsblinde Fixierungen. Mit Walter Jens führt er in Tübingen das Studium Generale zu neuer Blüte, das Haus Küng wird bald zum Inbegriff vielfältigen Austauschs. Dem großen Kommunikator, der schon in den sechziger Jahren mit hohen Telefonrechnungen ringt, kommen die neuen Verständigungsmittel zugute, vom Fax bis zum Internet.

1990 ließ sich der neue Ruf nach Werten nicht mehr überhören. Kontakte zur Unesco sorgten für die Präzisierung von Küngs Fragestellung. Das Büchlein „Projekt Weltethos“ (1990) wirkte wiederum wie eine Rakete, diesmal aber in unerwarteter Selbstzündung. Längst hat sie einen vielfarbigen Feuerregen für Theologen, Politiker und all jene zur Folge, denen der Friede einer zerrissenen Welt am Herzen liegt. Seit dem Zusammenbruch der Ideologien, erst recht seit dem Schock vom 11. September 2001, ist eine Debatte virulent, für die Küng die zentralen Elemente bereitgestellt hat: Kenntnis der Weltreligionen, ein klares Konzept von nachhaltigen Werten sowie deren Ausdifferenzierung in den globalen Dimensionen von Politik, Wirtschaft, Medien und Erziehung. Seitdem erschließen sich die Weltreligionen für Küng als Agenturen für globale ethische Standards: für Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Gleichberechtigung.

Um dies öffentlich bewusst zu machen, scheut Küng bis heute keine Mühen. Auch Benedikt XVI. , als dessen Antipode Küng gilt, hat ihn bekanntlich empfangen. Ihr Gespräch muss unbefangen und sehr offen gewesen sein, ausgespart wurden nur die Sanktionen gegen Küng, auf deren Aufhebung fast 30 Jahre später der Papst selbst kommen müsste. Schade, dass die katholische Kirche von ihrem international im Augenblick wohl bekanntesten Theologen nicht profitieren will.

Küng, Präsident der Stiftung Weltethos, hat deren Zukunft wohlgeordnet. Und arbeitet weiter, konsequent, einen eingeschworenen Mitarbeiterstab um sich; anders könnte er wohl nicht leben. Da kann der 80. Geburtstag nur eine kurze Unterbrechung sein. Sein theologisches Erbe, in zahllosen Büchern versammelt, wird trotz widriger Umstände noch einzulösen sein. Viele hoffen mit Hans Küng, dass er dies noch selbst erleben kann.

Der Autor lehrt Theologie in Nijmwegen und ist Schüler von Hans Küng.

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