Kultur : Hartmann, erlöse uns

Ein LEIPZIGER ALLERLEI von Kerstin Decker

Ein

Ein verlorener Sohn ist wieder da. Als Kind hat Sebastian Hartmann Leipzig verlassen, mit 40 Jahren ist er zurückgekommen. Als Intendant. Seitdem staunen die Leipziger.

Zuerst benannte der neue Intendant das „Schauspielhaus“ in „Centraltheater“ um. Denn jeder Gott weiß, wem man einen Namen gegeben hat, den hat man erschaffen. Als nächstes erklärte er, das Theater fange jetzt – mit ihm – erst an. Man kennt das: Jeder Erlöser führt eine neue Zeitrechnung ein, die mit seinem Erscheinen beginnt. Sebastian Hartmann war vor vielen Jahren an der Volksbühne mit einer zweitklassigen „Gespenster“-Inszenierung aufgefallen, und danach noch einmal in Frankfurt: Einer seiner Schauspieler entriss dort einem Theaterkritiker den Notizblock.

Natürlich hat Hartmann auch fast alle entlassen, die vor ihm da waren. Warum macht er das?, fragten die Leipziger. Dabei steht es in jedem Wörterbuch: Ein Intendant ist ein mit allen Vollmachten ausgestatteter Beamter des absolutistischen französischen Königtums.

Jeder absolutistische Herrscher ist berechtigt, über die Zeit seiner Untertanen frei zu verfügen, weshalb Hartmann fünf Stunden für seine erste Premiere angemessen schienen. Er entschloss sich zur Schöpfung einer „Matthäuspassion“. Matthäuspassionen entsprechen dem Geist des Ortes, denn schräg gegenüber vom Centraltheater war mal einer, der hat auch eine geschrieben. Er brachte es aber nur bis zum Kantor. Solange wir Bach hören, sind wir unsterblich. Was sind wir, solange wir Hartmann sehen?

Aller heiligen Dinge sind drei. Hartmann entschied sich für ein Triptychon aus Ingmar Bergman („Die Abendmahlsgäste“), Henrik Ibsen („Brand“) und sich selbst. Mögen andere über diesen Abend urteilen, der seinen dramatischen Höhepunkt erreichte, als ein splitternackter, blutbesudelter Jesus – er war dabei, mit einer riesigen Axt den Bühnenboden zu zerhacken – die Axt wegwarf, wobei sich der Schaft löste und mit Schwung ins Publikum flog. Wen würde er erlösen? Jedoch, die erste Reihe überlebte geschlossen. War das die Gegenwart Gottes?

Jesus erschien im Bewusstsein einer Endzeit. Nach zwei Stunden weiß man sich auch im Centraltheater als Augenzeugen einer Endzeit, einer Endgestalt des Theaters. Apokalypse herrscht immer dann, wenn allerletzte Mittel zum Dauereinsatz kommen – Nacktheit, oder die große, durch keinen Zwischenton und Zusammenhang geerdete theatralische Geste. Hartmanns Ensemble ist eine auf die Bühne verirrte Selbsterfahrungsgruppe. Selbsterfahrungen vor Publikum sind fast immer peinlich.

Hartmann ist der Castorf-Epigone von einst geblieben. Nur dass ein Castorf-Jesus die große Leerstelle Gottes wohl um keinen Preis im Dauer-Predigtton gefüllt hätte: „Lieber schlagen wir uns die Köpfe ein, statt unser Leben zu ändern!“ Ein Laienseelsorger, nackt und schwach am Geiste – das ist schon das ganze Centraltheater, nach vollen fünf Stunden.

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