• Hartzen für ein Hallelujah Die Polit-Performance „Die blauen Augen von Terence Hill“ im HAU

Kultur : Hartzen für ein Hallelujah Die Polit-Performance „Die blauen Augen von Terence Hill“ im HAU

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Ab in die Rampensauna. Mathias Znidarec als Terence Hill. Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de
Ab in die Rampensauna. Mathias Znidarec als Terence Hill. Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

„Herr Spencer, was genau ist Ihre Beschäftigung?“, will der Schuldenberater wissen. „Spaghetti-Western-Protagonist“, antwortet der Bullige. „Mein erster Film: Die letzte Rechnung zahlst du selbst.“ Oh Zeiten, oh Pleiten. Jetzt steht Peter Zwegat, der knallharte Unterschichten-Retter von RTL, schon bei jenem Prügelknaben auf der Matte, der als Carlo Perdersoli geboren wurde und mit der beidhändigen Doppelbackpfeife berühmt wurde. Den haben auch die rechte und die linke Hand des Teufels nicht vor dem Bankrott bewahrt, und nun heißt es: Hartzen für ein Hallelujah!

Das Performancekollektiv Copy & Waste – in Berlin unter anderem durch die Teilnahme an Matthias Lilienthals Format „X-Wohnungen“ und seine Arbeiten am Gorki Theater bekannt – zieht im nunmehr zehnten Theaterabend eine überbordende Armutsfarce in den Kulissen eines Trash-Westerns auf. High- Noon für die Bedürftigen. Der Sozialstaat fordert zum Duell. „Die blauen Augen von Terence Hill“ haben die Copy-&-Waster ihren Diskurs-Shoot-out genannt, der auch eine Konzertarena erwähnt: die H4 World. Die biete auch „Menschen mit temporärem Karriereknick eine tolle Zeit“.

Zwei wie Pech und Schwefel drehen jetzt im Freizeitpark für Arbeitslose. Ja gut, was genau die Abenteuer von Bud Spencer und Terence Hill mit dem Fallmanager vom Jobcenter zu tun haben, das muss man sich mit viel Assoziationswillen zusammenreimen. Vielleicht ist es der Umstand, dass Bud Spencer – der sich nach seinem Lieblingsbier und Spencer Tracy benannte – trotz all der Filmerfolge irgendwann den Offenbarungseid leistete und erklärte, von all dem schönen Geld sei nichts mehr übrig. Es spielt aber auch keine wirkliche Rolle, weil in dieser überschießenden Performance ohnehin jedem Anflug von Kohärenz gleich wieder das Veilchen verpasst wird.

Die vier Spieler auf der Bruchbühne der umfallenden Wände – Janna Horstmann, Sebastian Thiers, Mathias Znidarec und Regisseur Steffen Klewar – stürzen sich mit gewohnt wortspielseliger Verve („ab in die Rampensauna!“) in die Metaebene, in der tausenderlei Film- und Theaterzitate mit Politikerphrasen und dem Jargon hohler Selbstoptimierungsmantras vermengt werden. Alles hier ist fröhlicher Fake, der Wirbel der Fäuste ebenso wie der um das Sozialschmarotzertum von Karibik-Klaus. Dem Multimedia-Overkill des Neoliberalimus halten die Copy-&-Waste-Macher ein B-Movie der Selbstverschwendung entgegen. Und stellen zwischen den aus der Hüfte geschossenen Tiraden über die Schere zwischen Arm und Reich immer wieder die eigene Position zur Debatte: „Die anderen Schauspieler kokettieren nur mit ihrem Hass auf den Text, aber ich nicht! Ich hasse ihn wirklich!“ Der Abend ist lang geraten, länger als ein Bud-Spencer-Film. Aber mindestens so liebevoll angerichtet wie eine Pfanne Bohnen.

HAU 3. Wieder an diesem Freitag bis 16.10., 20 Uhr

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