Kultur : Hauptstadt-Literatur: Das Neue kommt auf leisen Sohlen

Annette Meyhöfer

Berlin ist kein Platz für Verlage. "Berlin straft uns dafür, dass wir wachsen." Bernd Lunkewitz führt durch den Aufbau-Verlag, der ihm zu eng geworden ist - weshalb er anbauen möchte, gleich hinter dem Verlagshaus in der Nähe des Hackeschen Markts. Aber der Senat will das Grundstück lieber einem Hamburger Investor überlassen. "Stellen Sie sich vor, ich wäre Klopapierfabrikant in Hamburg, irgendwo im Industriegebiet, und gleich nebenan stünde ein Grundstück zum Verkauf, das dem Senat gehört. Der würde doch keine zwei Minuten darüber nachdenken, an wen er verkauft: an eine Firma, die ihre Steuern in Berlin bezahlt, oder an das ortsansässige Unternehmen!" Deshalb zieht Lunkewitz nun mit seinem Rütten & Loening-Verlag von Berlin nach Frankfurt am Main, wo er wohnt und wo er freie Büroräume hat.

"Vielleicht wäre das ja sogar ein Stückchen historische Gerechtigkeit", meint der erboste Unternehmer. In Frankfurt wurde der Verlag, in dem der "Struwwelpeter" erschien, aber auch einiges von Marx, 1844 gegründet, 1936 wurde er arisiert und nach Potsdam verlegt, später dann Aufbau zugeschlagen. Heute ist Rütten & Loening auf Unterhaltungsliteratur spezialisiert und, dank des Riesenerfolgs der "Päpstin", eine Cash Cow der Verlagsgruppe. Lange Zeit war Lunkewitz belächelt worden, der Branchenfremde, Marxist und Immobilienhändler, der einst, als ein NPD-Mann auf ihn schoss, ein Märtyrer der 68er hätte werden können - und der heute über ein geschätztes Vermögen von 500 Millionen Mark verfügt.

Gegen die Rechtsnachfolger der Treuhand, von der er Aufbau 1991 erwarb, prozessiert er noch immer. Und noch immer wird der Mann mit der Havanna von manchen ein Spekulant geschimpft. Obwohl Lunkewitz den Verlag mit der Veröffentlichung der Klemperer-Tagebücher, der Briefe Alfred Kerrs aus Berlin oder der Klatschgeschichten eines Goethe-Zeitgenossen zu Erfolg und Ansehen führte. Muss man nun bangen, dass auch Aufbau abwandert, wie zuvor schon andere, nicht minder traditionsreiche Häuser? "Letzlich kann man gute Bücher fast überall machen, in Reinbek, in Frankfurt, selbst in Gütersloh", sagt Bernd Lunkewitz. "Ich bin kein Lokalpatriot. Ich bin in der deutschen Literatur zu Hause."

Berlin will Metropole spielen, die Stadt ist ein Magnet vor allem für jüngere Autoren, nur die Verlage spielen nicht so ganz mit. Etwa 150 sind es in Berlin, die Branchenfibel "Buch und Buchhandel in Zahlen" kommt sogar auf 195. Doch in München zählt man gut hundert Verlagshäuser mehr, sie erzielen zwei Milliarden Mark Umsatz im Jahr, doppelt so viel wie die Berliner Konkurrenz. Einst war Berlin eine der größten Presse- und Verlagsstädte der Welt, die Stadt von Ullstein, Mosse und Scherl, von Rowohlt und Fischer. Inzwischen ist der Ullstein Verlag nach München gezogen; geblieben ist ein Teil des Lektorats und als literarische bel étage "Ullstein Berlin" - was etwa so klingt wie "Papst Rom", sagt ein ehemaliger Mitarbeiter. Nach München verlegt wurde auch Volk & Welt, der einst nach Aufbau größte DDR-Verlag, mit Luchterhand vereint nunmehr auch im neuesten Herbstprogramm.

"Was soll das, sind wir Mercedes?"

Und Rowohlt Berlin? Wird von einigen prominenten Autoren verlassen. Doch die ganze Aufregung um die "Berliner Verlagskrise" hält Klaus Wagenbach, der sich seit 36 Jahren an die Frage gewöhnt, warum sein Verlag noch existiere, für ein Produkt der "Westberliner Schrebergartenmentalität". Die Literatur brauche keine Metropole, und es handele sich bei den verlegten Verlagen auch um ganz unterschiedliche Fälle: "Springer hatte die Situation der nach dem Krieg, nach dem Bau der Mauer an Verlagen verarmenden Stadt ausgenutzt, um alles an Zuschüssen und Sonderrechten abzuzocken, meint Wagenbach, "und jetzt, nachdem die Zockerei ein Ende hat, zieht Springer Leine. Die wollten bei Ullstein doch einfach Leute kündigen." Und sich durch den Umzug ein paar Abfindungen ersparen. Immerhin nahm Axel Caesar Springer den Buchverlag so ernst, dass er den Ullstein-Propyläen-Verleger Wolf Jobst Siedler als seinen Nachfolger erwog. Aber nach Springers Tod und Siedlers Ausscheiden ging es mit Ullstein behende bergab. 1998 trat der Konzern dann die Flucht nach vorne an und kaufte die Münchner Verlage List, Econ und Südwest dazu; ein Jahr später fusionierte er alle Buchverlage zu einer Gruppe, die das scheußliche Logo "Econ Ullstein List" bekam. Als Ullstein-Verleger wurde Lothar Menne engagiert, der bei Hoffmann und Campe und Heyne das Bestsellergeschäft angekurbelt hat.

Jetzt pendelt Menne zwischen München und Berlin. "Die Literatur", sagt er, "braucht vielleicht keine Metropole, aber der Literaturbetrieb tut sich leichter, wenn ein Großteil der Protagonisten in einem geographisch überschaubaren Raum versammelt ist; dort gedeihen Klatsch, Kritikerkabale, Korruption und Klamauk. Und weil das Literaturspektakel unserem Gewerbe auch beim Publikum mehr Glamour verleiht, fördert es auch den Verkauf von Büchern." Volk & Welt, der zweite Fall und ein DDR-gemachter, schleppte an seinem Erbe, dem hohen Personalstand und dem Programm; der Verlag war für ausländische Literatur zuständig, eine Art "Buchclub für die DDR", wie der langjährige Lektor und Verlagsleiter Dietrich Simon sagt. Nach der Wende hatte man nicht viel mehr zu bieten als die Osteuropäer, aber für die gab es nun einen harten Markt. Der Münchner Rechtsanwalt und Luchterhand-Besitzer Dietrich von Boetticher rettete damals, 1994, das marode Unternehmen. "Wir hatten ja Glück mit unseren Autoren, mit Thomas Brussig, auch mit Viktor Pelewin, aber das ist saisonabhängig", sagt Simon, der mit einer Kollegin allein in Berlin geblieben ist und dort auch Vorsitzender des örtlichen Verlegerverbandes ist. Simon beurteilt die (eigene) Lage mit kühlem Kopf: "Wenn ein Verlag selbstständig nicht existieren kann, dann geht natürlich immer das Geschrei los, die machen ihre Autoren kaputt! Aber das sind ja keine Verrückten, die Arme abschneiden oder Beine."

Buchverlage repräsentieren für Politiker nicht unbedingt die große Wirtschaftskraft. "Der Lunkewitz ist einfach beleidigt, weil der Senat ihm nicht geholfen hat, an die Immobilie zu kommen", sagt Klaus Wagenbach. Schließlich musste auch Wagenbach aus seinen Räumen raus, aber dann hat man sich eben neue gesucht. "Was soll das, sind wir denn Mercedes? Das ist der Größenwahn von Herrn Lunkewitz, natürlich macht es einen Unterschied, wenn Herr Mercedes kommt mit 500 Arbeitsplätzen und anderthalb Milliarden, da sagt natürlich jeder Senat, ja bitte schön, wo wollen Sie denn hin, was können wir sonst noch für Sie tun ..."

Bei Rowohlt Berlin, gleich neben Aufbau, versucht die neue Verlagsleiterin Siv Bublitz nun ein Programm zu beschreiben, das es noch nicht gibt. Statt des "Tors zum Osten" wolle man künftig ein "Metropolenverlag" sein. Mehr Berlin, mehr Debüts solle es geben, die neuen, jungen Autoren der Stadt neben den angestammten - von denen nicht mehr viele übrig sind. Der Verlag, das hat Siv Bublitz in den vergangenen Wochen immer wieder gesagt, sei ja "unfreiwillig Symbol für die Krise unserer gesamten Branche" geworden. Nur haben die anderen sich nicht alle McKinsey ins Haus geholt. Deshalb muss Bublitz jetzt Aufbruchsstimmung verbreiten und schwärmt vom "frontier spirit", der in der Stadt überall zu spüren sei. Frontstadt Berlin: In der Greifswalder Straße, im Prenzlauer Berg, wo der Berlin Verlag seinen Sitz hat, kann man die neuen Autoren bereits feiern: Peter Nadás, Peter Esterházy, Tilman Spengler, Elfriede Jelinek, vielleicht demnächst auch Herta Müller, allesamt Rowohlt- oder Rowohlt-Berlin-Flüchtige. Als Arnulf Conradi vor zwei Jahren den Berlin Verlag, den er, selber einst Programmchef bei S. Fischer, 1994 zusammen mit Siegfried Unseld gegründet hatte, an Bertelsmann verkaufte, unkte ein Teil der Presse vom drohenden Untergang. Inzwischen gilt die Greifswalder Straße als beste Adresse, nicht nur für englischsprachige Autoren. Der Berlin Verlag habe, sagt Tilman Spengler, "die Attraktivität einer kleinen Boutique mit der Sicherheit einer Warenhauskette dahinter". Hier lässt sich gut schwärmen von Berlin als der "interessantesten Stadt, dem guten Nährboden für Literatur". Gewiss gibt es nirgendwo so viele literarische Veranstaltungen, von der No-budget-Szene bis zu den Salons, und sie werden auch besucht. Noch immer hält der Zuzug von Autoren an, und beinahe jede Woche wird in Berlin eine neue literarische Agentur gegründet. Aber diejenigen, die nicht nur Talk-Show-Attraktivität, sondern etwas Glanz verbreiten könnten, sitzen nach wie vor in ihren Landhäusern in Schleswig-Holstein oder am Bodensee. "Es herrscht die alte Kleinstaaterei", sagt Lothar Menne, "Autoren, Agenturen, Verlage sind auf eine Vielfalt kleiner Zentren verteilt."

Eine Kleinstadt, die Großstadt spielt

"Wo sollen denn all die Autoren hin, wenn es hier keine Verlage gibt", sagt Herbert Wiesner, der Leiter des Berliner Literaturhauses. Ein Hoffnungszeichen müsse man setzen, deshalb will er vorschlagen, im Stadtschloss, sollte es denn gebaut werden, ein Museum der Literatur des 20. Jahrhunderts einzurichten; das wäre auch keine nationalistische Veranstaltung. "Schließlich waren sie alle einst hier, die Russen, die Engländer, die Amerikaner. Hier im Literaturhaus hat 1929 noch Nabokov gelesen." Doch noch immer ist das Kulturbürgertum, wie Klaus Wagenbach sagt, in der Hauptstadt lückenhaft: jene tonangebende, gebildete lesende Schicht. Und der Doyen aller Berliner Verleger, der melancholische Liebhaber und Kritiker dieser Stadt, Wolf Jobst Siedler, er findet es fast rührend, dass Berlin sich schon vergleicht mit Metropolen wie London oder Paris; es werde dauern, bis es wieder eine Berliner Gesellschaft gibt und eine Ahnung von einstiger Glorie.

"Sollen die großen Verlage doch weggehen oder wegbleiben, für mich ist das nur gut", sagt Wolfgang Hörner von Eichborn. Berlin. Der Name ist ein Euphemismus für ein Außenlektorat: "Damit sollte gesagt werden, Eichborn kann auch das Gute", und Hörner hat Autoren entdeckt wie Karen Duve und Jenny Erpenbeck, die zum "Fräulein-Wunder" Hochgejubelten. Aber natürlich sei das alte Autoren-Verleger-Verhältnis schon fast eine romantische Erinnerung, meint der Verleger Alexander Fest. Vieles haben inzwischen die Agenten übernommen. Aber manchmal gibt es hier noch die persönlichen Wege, den kleinen Austausch. Manchmal ist Berlin immer noch eine Insel, eine Kleinstadt, die Großstadt spielt. Oder umgekehrt. Am Zirkus, dort, wo einst Max Reinhardts Theater war, schräg gegenüber vom Berliner Ensemble, hat sogar die Zürcher Agentur Mohrbooks, die vor allem englischsprachige Bestsellerautoren vertritt und unter den Deutschen Stefan Heym und Klaus Harpprecht, vor ein paar Monaten eine Dependance eröffnet. "Es ist ja hier noch nicht so wie in London oder New York, wo sich die Agenten auf die Füße treten", sagt Uwe Heldt, ehemals Ullstein-Lektor, "und man muss Autoren auch nicht umkreisen wie ein Schäferhund." Vielleicht hält die wieder entdeckte Liebe der Verlage zur deutschen Literatur, die manchmal ja auch mit Büchern statt des bloßen Meldescheins - Wohnsitz Hauptstadt - erwidert wird, sogar noch ein wenig an.

Jedenfalls hat der Mythos der neuen Berliner Literatur den Markt für Autorenhonorare deutlich nach oben geschraubt. Übersehen wird oft, dass dem Krisengejammer und Agententum zum Trotz auch Verlage gegründet wurden, von Christoph Links zum Beispiel oder, unter dem Dach von S. Fischer, von Alexander Fest. Und dass die kleinen Verlage, seit die Großen stetig an Profil verlieren, mehr als nur überleben können, weil sie sich noch das Besondere erlauben, Preziosen wie Max Liebermanns erstes Skizzenbuch, das im Herbst bei Transit erscheint. Statt über die Buchpreisbindung beziehungsweise deren Ende zu klagen, schwärmt der Verleger Rainer Nitsche lieber von seiner ambulanten Buchhändlerin, die solche kleinen Kostbarkeiten abends in den schicken Restaurants verkauft. Auch Bernd Lunkewitz ist nicht nur verbittert über Berlin. Zweimal habe er Diepgen geschrieben, sogar Broschüren beigelegt, "damit der weiß, wer wir sind". Am Nachmittag hat er noch eine Verhandlung mit dem Wirtschaftssenator. Der Aufbau-Verlag jedenfalls werde in Berlin bleiben. Und für Klaus Wagenbach hat Berlin ohnehin noch Chancen: "Wenn die Großen keine Bücher mehr unter einer Auflage von 6000 oder 10.000 machen, wenn sie ihre Produktion verringern, dann bedeutet das, sie geben das Neue auf. Alles Neue aber kommt auf leisen Sohlen!"

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