Hauptstädtisches Lichterfest "Berlin leuchtet" : Alles ist beleuchtet

Hilfe, die Winterdepression steht vor der Tür! Zum Glück schenkt sich Berlin ab dem 2. Oktober wieder ein Lichterfest, über 70 Gebäude werden illuminiert. Eine Glosse zur hauptstädtischen Lichttherapie.

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So sah das ICC beim Lichterfest 2013 aus. Da hieß es noch "Festival of Lights".
So sah das ICC beim Lichterfest 2013 aus. Da hieß es noch "Festival of Lights".Foto: dpa

So eine Stadt ist ja auch nur ein Mensch. Die Tage werden kürzer, die Sonne macht sich rar, bald ist Oktober und schon steht die Winterdepression vor der Tür. Also hat Berlin sich zum Start der dunklen Jahreszeit eine Lichttherapie verordnet. „Berlin leuchtet“ heißt die Devise ab dem 2. Oktober, mit 70 illuminierten Gebäuden. Das Konzerthaus bekommt ein Video-Wallmapping in 3-D verpasst, Dom-Aquarée, Bikini-Haus, sie alle werden mit Lightshows veredelt. Schiffe schippern als mobile Leuchtkörper über die Spree – nur Scharouns Philharmonie leuchtet von selber in die Nacht, wie immer, mit goldgelbem Himmelssegel.

Apropos: Der Mensch ist bekanntlich von einem blassgelben Sonnensegel umhüllt, zwei Quadratmeter Haut, die unter anderem dazu da sind, Vitamin D aufzunehmen. Wir brauchen das fürs Wohlempfinden, Knochenbau, Endorphine und so. Eine Viertelstunde am Tag genügt, sagen die Experten. Der Knochenbau einer Stadt, das sind ihre Häuser. Nicht zufällig kamen die Baumeister der Weimarer Republik hier in Berlin, der chronisch kälte- und dunkelheitsanfälligen Metropole, auf die Idee mit der Lichtarchitektur. Scheinwerfer, Leuchtreklamen, prächtige Kinos, die Lichtburg oder Titania hießen – mit der Architektur der Nacht feierte die Moderne sich selbst. Erichs Lampenladen war da nur ein schwacher Abglanz.

Wobei das Kunstlicht als Sonnen-Ersatz am Ende des Tages doch wenig nützt, so oder so. Um den Vitaminhaushalt Berlins wird es im Winter wohl nie gut bestellt sein.

"Weltbühne Berlin" lautet das Motto des Lichterfests, nach der legendären Zeitschrift der 20er Jahre

Womit wir bei Goethe wären. Nein, nicht bei der abgenudelten Anekdote, er habe auf dem Sterbebett „Mehr Licht!“ gerufen. „Die Kunst“, glaubte der Dichter schon lange vor seinem Tod, „ist nichts anders als das Licht der Natur.“ Ein Rätselsatz, über den sich trefflich grübeln lässt. Zumal die Veranstalter von „Berlin leuchtet“ das Motto „Weltbühne Berlin“ gewählt haben, nach der legendären Zeitschrift der zwanziger Jahre, in der alle großen Lichter jener Zeit publizierten, Tucholsky, Kästner, Mühsam, Ossietzky, Else Lasker-Schüler. Viele von ihnen brachten das Kunststück fertig, in den lichten Zeiten der Weimarer Republik die finstere Zeit des Faschismus heraufdämmern zu sehen.

Wie sagt das Sprichwort? „Das Gesicht des Menschen erkennst du bei Licht, den Charakter im Dunkeln.“ Was auch nicht unbedingt ein Trost ist, wenn die Lichter der Großstadt am 19.Oktober wieder verlöschen. Dann lieber mächtige UVB-Strahler an allen öffentlichen Gebäuden der Stadt. Die funktionieren nämlich als Sonnen-Ersatz. Der Gendarmenmarkt als Kollektiv-Solarium für winterdepressionsgefährdete Hauptstadtbewohner – das wäre doch was.

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