Haus am Waldsee zeigt Erik Schmidts Rollenbilder : Der Adabei

Mal Herrenreiter, mal Occupy-Aktivist: Das Haus am Waldsee zeigt Erik Schmidts Rollenbilder. Der Berliner Maler begibt sich immer wieder in neue Milieus und malt anschließend auf der Grundlage seiner dort gemachten Fotos klassische Gemälde.

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Jagdgründe. Erik Schmidt malte 2009 den „Roten Reiter“.
Jagdgründe. Erik Schmidt malte 2009 den „Roten Reiter“.Foto: B. Borchardt, Courtesy Galerie Carlier Gebauer, VG Bildkunst Bonn 2012

Den diskreten Charme der Bourgeoisie haben schon andere vor ihm seziert. Erik Schmidt macht sich lieber gleich an den deutschen Adel und studiert dessen Rituale: Jagen, Feiern und das subtile Konstituieren gesellschaftlicher Hierarchien. Aus diesen Beobachtungen entwickelte sich vor einigen Jahren die Serie „Hunting Grounds“. Gemälde und Filme mit Sujets, deren Anachronismus jeden Uneingeweihten verblüffen. Hier hetzt man Hunde auf Wild und wirft sich auf dem Pferd derart in Schale, wie man es höchstens noch in England bei Teilnehmern einer Fuchsjagd vermutet hätte. Einen Teil dieser Arbeiten präsentiert der Berliner Künstler nun noch einmal exemplarisch im Haus am Waldsee. Daneben hängen neue Bilder, die der aktuellen Ausstellung ihren Namen geben: „Downtown“.

Downtown New York manifestierte sich vor gut einem Jahr das scheinbar vollkommene Gegenteil jener von Konventionen geregelten Parallelwelt der Oberschicht. Hier schlugen rund tausend Teilnehmer der Occupy-Bewegung ihre Zelte auf, um gegen die Zockerei der nahen Wall-Street-Banker zu protestieren. Und Schmidt, der zu dieser Zeit für eine ganz andere Themenrecherche New York besuchte, war plötzlich mittendrin und quartierte sich ebenfalls ein.

Aus dieser Begegnung resultieren zahllose fotografische Aufnahmen. Von Zeltlagern und grünen Regenplanen, die wie abstrakte Landschaften wirken. Von schlafenden Campern und in sich versunkenen Gestalten, die konzentriert ihre iBooks oder iPhones bearbeiten, um der Welt mitzuteilen, wie man sich als Occupy-Demonstrant fühlt. Später, im Berliner Atelier, hat Schmidt das Bildmaterial als Vorlage für große Leinwände genutzt, die das Geschehen mit breitem Pinsel und dickem Farbauftrag paraphrasieren. Dabei verflüchtigt sich der Eindruck des Unmittelbaren, allein der Filter der malerischen Umsetzung schafft Distanz.

Zum Zeitfaktor gesellt sich die Unschärfe der Abstraktion, die jedes Motiv mehrdeutig macht. Dass der Künstler den eigenen Beobachtungen auch Aufnahmen professioneller Reporter unterschiebt, fällt gar nicht mehr auf: Sie ergänzen seine Alltagsimpressionen durch spektakuläre Momente wie der Festnahme eines Protestierers.

Die übrigen Bilder verunklären vor allem die Situation. So könnten die Matratzen, die kauernden Körper und herumfliegenden Zeitungsseiten ebenso gut die Schlafstätte von Obdachlosen dokumentieren. Im Katalogtext zur Ausstellung findet sich denn auch ein Hinweis auf die Parallelen, die von der Occupy-Bewegung selbst gezogen wurden: Zwischen denen, die schon jetzt als Verlierer einer brutalen Ökonomie sichtbar sind, und jener jungen Generation, die trotz bester Ausbildung und Engagement eine ähnliche Zukunft fürchtet. Diese Verbrüderung aber muss vordergründig bleiben, denn die meisten Demonstranten können in ihre bürgerliche Existenz zurückkehren, während die Obdachlosen eine echte Randgruppe ohne Alternative sind.

Auf seine Art bleibt auch Erik Schmidt als Beobachter von Occupy außen vor. Das Gros der Aktivisten entstammt zwar wie der Künstler einer weißen, akademischen Mittelschicht, ist allerdings gerade einmal halb so alt wie der 1968 Geborene. Auf subtile Art vermittelt sich dieser Ausschluss auch durch die Malerei, die stets auf Distanz zum Gesehenen geht. Schmidt steht daneben, als Chronist und nicht als Teil dieser studentischen Welt, in der es ebenso Codes und Konformitäten gibt wie in der Adelsszene aus „Hunting Grounds“.

Hier manifestiert sich ein Thema, das auf beide gesellschaftlichen Eliten passt. Ihre Reglements und Verabredungen, die Identität stiften. Ihnen widmet sich Schmidt in seiner Arbeit – im großen Format und repräsentativen Stil, wie es vor hundert Jahren typisch für Historiengemälde war. Bei Schmidt geschieht dies ohne Anspruch auf Wertung, dafür in dem Bewusstsein, dass hier etwas Außerordentliches geschieht. Während die einen Traditionen konservieren, versuchen die anderen ein System auszuhebeln, das wenige zu Millionären macht und vielen nichts lässt.

Erik Schmidt geht allerdings weiter und probiert aus, wie es sich anfühlt, Teil dieser Gemeinschaften zu sein. Dabei geraten seine Auftritte arg artifiziell und zeigen, gerade in den Kurzfilmen von „Hunting Grounds“, wie ungleich virtuoser sich ein Luis Bunuel oder Claude Chabrol auf dem Boden der doppelbödigen Gesten und Blicke bewegen konnte.

Doch auch das Scheitern ist Thema dieser sehenswerten Ausstellung, die den Antagonismus von Anziehung und Abstoßung, Partizipation und Vergeblichkeit nachzeichnet. Wie sehr, machen drei Videos gleich im Eingangsbereich deutlich, die sich jedoch erst am Ende erklären. Sie zeigen Erik Schmidt, wie er im Zelt an der Wall Street lümmelt, mal im Anzug und mal mit nacktem Bauch, den er mit bunten Peace-Bildern bemalt. Ganz allein spielt er noch einmal Szenen aus dem Occupy-Camp nach – eine Arbeit, für die er noch einmal nach New York zurückgekehrt ist. Die Sequenzen sind kurz und konzentriert gefilmt. Als seltsam anrührende Ein-Personen-Stücke, die eine ganze soziale Bewegung zur Performance schrumpfen. In den Augen der Passanten lassen sie den Künstler zum skurrilen Alleinunterhalter mutieren.

Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, bis 30.12.; Di-So 11-18 Uhr. Kat. 16,80 €.

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