Haus Bastian am Kupfergraben : Der Mäzen und die Museen

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz erwirbt das „Haus Bastian“ - mit tatkräftiger Unterstützung von Unternehmer und Mäzen Reinhold Würth.

von
Gute Nachbarschaft. Das bisherige Galeriegebäude liegt direkt gegenüber der Museumsinsel.
Gute Nachbarschaft. Das bisherige Galeriegebäude liegt direkt gegenüber der Museumsinsel.Foto: Monika Skolimowska/dpa

Die Meldung kam beiläufig, noch dazu vor dem verlängerten Wochenende der Deutschen Einheit: Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) erwirbt das Galeriegebäude Am Kupfergraben gegenüber der Museumsinsel für ihre Staatlichen Museen. Einen privaten Bau wohlgemerkt, errichtet vom Sammler-Händler-Berater Heiner Bastian und von ihm und seiner Familie selbst genutzt, vor allem aber an die im Berliner Kunstboom sehr groß gewordene Galerie „Contemporary Fine Arts“ vermietet. Das Gebäude, früher schlicht als Galeriegebäude Am Kupfergraben bekannt, wird nunmehr zum „Haus Bastian“ geadelt.

Das ist der eine Teil der – man darf sagen: Sensationsmeldung. Der andere besteht in der Mitteilung, dass es der Unternehmer und Mäzen Reinhold Würth ist, der den – rechtlich erst im kommenden Jahr zu vollziehenden – Erwerb durch die SPK spendiert und darüber hinaus die Anschubfinanzierung der geplanten Aktivitäten im Haus sichert. Der 81-jährige Selfmademan Würth ist auf bestem Wege, in die Fußstapfen eines James Simon zu treten, ein Jahrhundert danach; er unterhält ein Dutzend eigene Museen in seiner Heimat Schwäbisch Hall wie in mehreren europäischen Ländern. Der Berliner Öffentlichkeit wurde er durch die Ausstellung einer Auswahl aus seiner um die 12500 Objekte umfassenden Kunstsammlung im Martin-Gropius-Bau, insbesondere aber durch die Ausstellung im Bode-Museum rund um das von ihm für spektakuläre 50 Millionen Euro erworbene Tafelbild der „Schutzmantelmadonna“ von Hans Holbein d.J. bekannt.

Heiner Bastian: seit Jahrzehnten Kurator der Sammlung Erich Marx

Damit die Familie Bastian gebührend erwähnt werde, betont die Mitteilung der Preußen-Stiftung: „Céline, Aeneas und Heiner Bastian haben das Haus im Verzicht auf jeden Gewinn als großmütige Gabe der Stiftung Preußischer Kulturbesitz für kulturelle Zwecke angeboten“. Den Kaufpreis nennt die Stiftung nicht, dazu halten sich alle Beteiligten bedeckt; wie auch damals zu den Baukosten. Bastian, der seinen Aufstieg als Sekretär von Joseph Beuys begann, ist seit Jahrzehnten als Kurator der Sammlung Erich Marx tätig, jene Sammlung von Kunst vorwiegend der sechziger und siebziger Jahre mit Beuys und Warhol als Galionsfiguren, die noch im Hamburger Bahnhof beheimatet ist und in das künftige „Museum des 20. Jahrhunderts“ am Kulturforum übersiedeln wird. Dass Bastian eine Einflussgröße hinter den Kulissen der Staatlichen Museen darstellt, sei an dieser Stelle angemerkt.

Das 2007 fertig gestellte „Haus Bastian“ füllt eine Baulücke, die seit der Nachkriegszeit brach lag, wobei nur die Schmalseite hinüber zur Museumsinsel grüßt – dort der Publikumseingang unter der Adresse Am Kupfergraben 10 –, die Längsseite jedoch in der schmalen Straße Hinter dem Gießhaus liegt. David Chipperfield wurde 2003 als Architekt in einem vom Bauherrenpaar pompös inszenierten Verfahren bestimmt; sicher auch im Hinblick darauf, dass er bereits mit der Wiederherstellung des Neuen Museums schräg gegenüber auf der „Insel“ betraut war. Später kam seitens der SPK noch der Auftrag für das Eingangsgebäude zur Museumsinsel hinzu, nach dem bedeutendsten Mäzen der Berliner Museen James-Simon-Galerie genannt. So ergab sich eine Trias von Bauten Chipperfields, die die besondere Qualität seiner Architektur, sich ebenso sensibel wie selbstbewusst in einen historischen Kontext einzufügen, zum Ausdruck bringen.

Das Galeriegebäude zeigt diese Eigenschaften auf den ersten Blick. Die Höhe des Gebäudes entspricht der durch das historistische Gebäude zur Rechten vorgegebenen Berliner Traufhöhe, während es zur Linken durch eine respektvolle Staffelung des obersten Stockwerks auf die niedrigere Höhe der Nachbarn Rücksicht nimmt. Die Geschosshöhe entspricht auf der Höhe der Oberkante des zweiten Geschosses wiederum dem rechts anschließenden Gebäude.

Im Inneren sind die Galerien jeweils fünfeinhalb Meter hoch. Die Eigenständigkeit des Chipperfield’schen Entwurfs kommt in den unregelmäßig gesetzten, höchst unterschiedlich geformten und bemessenen Fenstern, die je nach Stockwerk Ausblicke auf die „Insel“ oder schräg hinüber auf den Lustgarten erlauben. Während das Gebäude konstruktiv einen Stahlbetonbau darstellt, sind die Fassaden – auch darin dem Neuen Museum eng verwandt – aus Ziegeln von Abrisshäusern gebildet, die mit einem leichten Überzeug versehen wurden und so zu einem gleichmäßigen, aus der Nähe variationsreichen Anblick verschmelzen.

Es fehlt den Staatlichen Museen an Räumen für moderne Bildungsarbeit

Die Grundrisse der vier Stockwerke mit insgesamt 2000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche unterscheiden sich kaum; sie zeigen im wesentlichen einen großen, ungeteilten Raum an der Längsseite des Gebäudes, der sich L-förmig um den Erschließungskern mit dem großen Aufzug herumlegt. Den Anschluss an das rechte Nachbargebäude markiert ein großzügiges Treppenhaus, während ein zweites Treppenhaus den Galerieraum nach hinten begrenzt. Im obersten Stockwerk haben sich die Bauherren eine Wohnung reserviert, allerdings unauffällig mit Blick nach hinten hinaus. Der Wohnanteil – um nicht missverstanden zu werden – war und ist eine Bedingung für Neubauten in Mitte.

Die Gegebenheit einer ungeteilten Hauptfläche erlaubt, worüber die Mitteilung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz frohlockt: „Es soll ein Nutzungs- und Raumkonzept entwickelt werden, das eine Bandbreite verschiedener Nutzungen zulässt: Workshops, Studien- und Projekttage, offene Werkstätten, Vorträge und Diskussionsrunden usw.“, und geradezu schwärmerisch: „Großzügige Werkbereiche wechseln mit Einheiten zum Recherchieren und Studieren, Kommunizieren und Diskutieren, Präsentieren, Reflektieren und Entspannen ab.“ Will sagen: Das muss jetzt erst einmal im Einzelnen durchdacht und geplant werden. Allein der Name des Ganzen steht bereits fest, es wird – alle wollen gewürdigt sein – das „Reinhold Würth Zentrum für kulturelle Bildung und Vermittlung im Haus Bastian“ heißen.

Reinhold Würth vor Holbeins Gemälde in Berlin.
Reinhold Würth vor Holbeins Gemälde in Berlin.Foto: Britta Pedersen/dpa

Im ersten Moment stellt sich die Frage, ob der überraschende Zukauf des Galeriegebäudes überhaupt notwendig ist. SPK-Präsident Hermann Parzinger sieht das so: „Wir haben auf der Museumsinsel ein gravierendes Unterangebot an Räumen für moderne Bildungs- und Vermittlungsarbeit.“ Versteht sich, denn die Museumsbauten entstanden zu einer Zeit, da sich das Publikum aus gebildeten Einzelbesuchern zusammensetzte. Das bedeutet indessen: „Aufgrund der strikten Denkmalschutzauflagen war es nicht möglich, im Rahmen der Sanierungsmaßnahmen ausreichende Flächen für die vielfältigen und stetig wachsenden Erfordernisse der kulturellen Bildung zu schaffen und damit auch einem immer deutlicher formulierten politischen Anspruch gerecht zu werden.“ Dahinter steht ein gewandeltes Leitbild der Museumsarbeit. „Sammeln, bewahren, erforschen, ausstellen“, dieses klassische Aufgaben- Quartett hat sich mittlerweile um den Begriff „Vermitteln“ erweitert. Dass diese museumspädagogische Arbeit in einem Gebäude stattfinden kann, das nicht nur der Museumsinsel unmittelbar benachbart ist, sondern auch in seiner Architektur nahtlos an das Gegenüber anschließt, ist ein Glücksfall. Die Fantasie lässt gleich noch den benachbarten, ohnehin renovierungsbedürftigen Altbau des späten 19. Jahrhunderts hinzudenken.

Man könnte meinen, das Ehepaar Bastian habe sein anspruchsvolles Haus immer schon mit Blick auf die künftige, öffentliche Nutzung errichtet. Es fügt sich alles zusammen. Nebenbei ist es hohe Zeit, David Chipperfield – Sir David ist er längst – mit dem Ehrentitel eines „Baumeisters der Museumsinsel“ in der Nachfolge Schinkels, Stülers, Ihnes und Messels zu schmücken.

1 Kommentar

Neuester Kommentar