Kultur : Hausgott will Sonne schnaufen

FRANK DIETSCHREIT

Brecht-Hommage von Peter Palitzsch im Berliner EnsembleVON FRANK DIETSCHREITDa ist sie ja wieder, die olle Brecht-Gardine.Doch, hoppla, diesmal ist sie nicht trist und grau, sondern herrlich blau wie die nie erlahmende Sehnsucht nach einer besseren Welt.Oder einem besseren Brecht.Das läßt uns hoffen, daß nach all den uraufgeführten Nichtigkeiten, den ziellosen Ozeanflügen und aggressiven Fleischhackereien, noch ein paar Entdeckungen zu machen sind."Leben will ich! Eure Sonne schnaufen!" nennt denn auch Altmeister Peter Palitzsch seine musikalisch-poetische Hommage an den fast schon totgefeierten Hausgott des Berliner Ensembles.Wohin die Reise gehen könnte, posaunt schon vorher Friedrich Schenker in seinem bizarr getröteten "Salut für Bertolt Brecht" vom Balkon des BE in den Abendhimmel.Drinnen wummern Herztöne vom Band und tik-taktet sich ein Metronom durch die Zeit."Alles wandelt sich", flüstert Schauspieler Volker Spengler, und da ist allen klar: Brecht lebt.Trotz Peymann.Dafür sorgen neben dem ironisch grinsenden und lustvoll schlurig sprechenden Spengler die scharf akzentuierende Stimme der Sängerin Maria Husmann und die filigrane Klangfärberei des Musikers Simon Stockhausen.Umgeben von Keyboards und Computern, Mikros und Instrumenten avanciert Stockhausen zum musikalischen Herzen der mit über 40 gesprochenen und vertonten Brecht-Passagen vollgepackten Entdeckungsreise.Bei ihm laufen alle Fäden zusammen.Auch die meisten der 17 Uraufführungen entstammen seiner Lust, altbekannte Brecht-Verse mit computergestütztem Techno-Sound und verspielten Free-Jazz-Improvisationen auf dem Saxophon zu erfrischen.Bei der "Begegnung mit den elfenbeinernen Wächtern" hört man Elefanten trampeln und trompeten, und "Anna hält bei Paule Leichenwache" ist mit gregorianischen Gesängen unterlegt.Natürlich sparen die drei zwischen angestrengter Archäologie und satirischer Verfremdung pendelnden Akteure auch hinlänglich bekannte Brecht-Vertonungen nicht aus, aber sie haben die Lieder völlig neu aufbereitet.Dessaus "Pflaumenlied" oder Weills "Ballade von der sexuellen Hörigkeit" klingen, wenn die Husmann ihre Stimme ins Atonale kippen läßt, wie gerade eben erst komponiert.Auch ein paar Fundstücke werden ans Tageslicht geholt.Eislers "In den finsteren Zeiten", von den dreien als koketter Kanon gesungen, hat man noch nie gehört.Nebenbei und ganz unangestrengt entfalten sich ein Jahrhundert und ein ganzes Leben, von der Geburt bis zum Tod.Alles, wissen wir jetzt, wandelt sich.Sogar Brecht. Wieder am 7.und 10.Mai sowie am21.Juni, jeweils 19.30 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben