• "Head On": Schwulsein in der Fremde: Der australische Debütfilm zeigt, wo Liebe hinführen kann

Kultur : "Head On": Schwulsein in der Fremde: Der australische Debütfilm zeigt, wo Liebe hinführen kann

Nadine Lange

Ari sieht aus wie jemand, der sich etwas aufbauen will. Jemand, der darauf brennt, Erfolg zu haben. Rockstar oder Jungmanager - dieser schöne junge Mann könnte alles werden. Doch dann kommt man näher an ihn heran, schaut ihm in die Augen und weiß: Hier stimmt etwas nicht. Sein Blick ist glasig, oft starr in die Ferne gerichtet, und unter den Augen liegen graue Ringe. Ari nimmt Speed, Mariuhana, Pillen und was er sonst noch kriegen kann. Er macht dicht - mit allen Mitteln. Dazu gehört auch schneller Sex mit Männern in irgendwelchen Ecken. Und Musik: Ari trägt fast immer einen Walkman, der ihn mit harter Technomusik beschallt.

Die Welt soll draussen bleiben. Sie will unmögliche Dinge von ihm. Die Welt - das ist vor allem Aris Familie. Seinen Eltern sind von Griechenland nach Australien ausgewandert und wollen, dass ihre Kinder es im neuen Land besser haben als sie selbst. Sie sollen gute Jobs haben und heiraten. Vater Dimitri besteht außerdem darauf, dass seine drei Söhne und die Tochter die griechischen Traditionen pflegen. So duldet es nicht, wenn Ari, seine kleine Schwester und die Mutter zu englischsprachiger Musik in der Küche tanzen. Er reißt die Platte vom Teller und legt eine griechische auf - Ari muss einen Tsiftiteli tanzen. Er kann das sehr gut, denn er liebt auch diesen Tanz.

Vor allem durch die mit Aris Geschichte unaufdringlich verwobenen Porträts seiner Geschwister und Freunde gelingt es Ana Kokkinos in ihrem Kinodebüt "Head On", ein sehr vielschichtiges Bild der Identitätsprobleme junger Einwanderer zu zeichnen. Zerrissenheit wird nicht nur behauptet, sondern in vielen schmerzhaften Detailbeobachtungen demonstriert: Da ist zum Beispiel Aris älterer Bruder Joe, der sich bemüht, an die Verlobung mit einer jungen Griechin zu glauben - aber hinter ihrem Rücken Speed nimmt. Oder Alex, die manchmal einfach nur wegrennt ohne etwas zu sagen. Oder Betty, die ihrer Mutter ins Gesicht schreit, sie solle nicht immer durch ihre Kinder leben. Sie alle arbeiten sich auf ihre Weise ab an der interkulturellen Aufgabenstellung. Dass sie nicht zu lösen ist, ahnt allein Ari. Er steht auf Männer - das wird er auf der griechischen Seite der Gleichung niemals in Abzug bringen können. Und das macht ihm Angst, die er mit neuen Drogen und noch lauterer Musik bekämpft.

Angst macht ihm auch der kompromisslose Lebenstil seines alten Freundes Johnny. Der ist ebenfalls Grieche oder wie er sagen würde: eine griechische Frau. Er nennt sich Toula, trägt lange Haare, Röcke und Blusen. Damit hat er sich für ein Leben als sichtbarer Außenseiter entschieden - Ari ist das häufig peinlich. Doch Johnny/Toula hat seinen Stolz. Nach einer gewaltätigen und demütigenden Szene auf einem Polizeirevier stöckelt Toula würdevoll davon, während Ari mit gesenktem Kopf daneben steht und fragt: "Was hätte ich tun können?" In diesem Moment ähneln die beiden "Lola und Bilidikid" aus dem gleichnamigen Film des Berliner Regisseurs Kutlug Ataman. Darin weigert sich ein machohafter schwuler Türke den Transvestiten Lola so zu akzeptieren wie er ist - obwohl sie ein Liebespaar sind. Starre Geschlechterkonzepte führen hier genau wie in "Head On" zum Verrat.

Über sowas macht Ari sich allerding nicht lange Gedanken. Stattdessen treibt er immer schneller, immer besinnungsloser durch die Nacht. Der Film zeigt etwas mehr als 24 Stunden aus seinem Leben, die sehr rasant inszeniert werden: Die Handkamera (Jaemes Grant) jagt ihrem rastlosen Protagonisten hinterher. Oft verwischt sie sein Bild oder gibt es nur ruckweise wieder, ohne dabei jedoch zappelig zu werden. So kehrt kurzzeitig auch immer wieder Ruhe ein, etwa in den langsamer laufenden Schwarz-Weiß-Rückblenden. Sie heben Aris Zersplitterung in der Gegenwart noch stärker hervor. Nichts wird diesen jungen Mann zusammen halten können - auch nicht eine sacht angedeutete Liebe. "Ich bin eine Hure. Ich bin ein Seemann," das immerhin weiß Ari nach dieser Nacht.

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