Kultur : Heideflimmern

Seltsames Wort: "ethnic germans". Wie soll man das übersetzen? Und darf man stolz sein, dazuzugehören? Darauf darf man stolz sein: die Lüneburger Heide, Schafherden in der Abenddämmerung, der azurblaue Himmel über der norddeutschen Tiefebene. Deutschland ist schön, vor allem aus der Ferne. New York University, ein warmer Frühlingabend. Draußen blühen Tulpen und Apfelbäume, drinnen glüht das Heidekraut. Das germanistische Seminar zeigt "Grün ist die Heide". Rudolf Prack stapft durch technicolorbunte Feld-, Wald- und Wiesenlandschaften, auf der Pirsch nach dem Hirsch und nach Sonja Ziemann, der Tochter des Wilderers. "Nur im Wald vergisst man, was man alles verloren hat", seufzt die Ziemann. Und ihre Freundin Nora verkündet: "Ich will nach Amerika, eine neue Heimat finden." Aber kann man das überhaupt: Eine alte gegen eine neue Heimat eintauschen?

Zwei Dutzend Zuschauer sind gekommen, um den Film zu sehen und einen Vortrag über "Das Selbstverständnis der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg" zu hören. An der Oberfläche ist "Grün ist die Heide" bloß ein kitschiges Liebesmelodram, aber darunter tun sich die Abgründe einer angeschlagenen kollektiven Psyche auf. Inez Templeton, Kulturwissenschaftlerin aus Birmingham, unternimmt eine Tiefenanalyse. "Grün ist die Heide" ist ein Heimatfilm, der von denen handelt, die ihre Heimat verloren haben: Sonja Ziemann spielt eine Vertriebene, wenn sie zum Happy End Rudolf Prack, dem eingesessenen Förster, in die Arme fällt, kommt sie endgültig im Westen an.

Das Wort "Heimatvertriebene" sträubt sich dagegen, ins Englische übersetzt zu werden. Für die Heimat, die die Deutschen meinen, gibt es im Englischen keine direkte Entsprechung. Templeton nennt die Vertriebenen "ethnic germans", das klingt nüchterner, wissenschaftlich. Die Deutschen sahen sich nach dem Krieg gerne als Opfer, die Vertriebenen gaben ihnen die Möglichkeit, zu trauern, ohne Schuld bekennen zu müssen. Im Bundestag, berichtet Templeton, wurden die Entschädigung von Juden und "ethnic germans" als gemeinsamer Tagesordnungspunkt verhandelt. Derlei Geschichtsvergessenheit war populär, "Grün ist die Heide", 1951 gedreht, stieg mit 19 Millionen Zuschauern zu einem der er Drei Tage später: wieder Sonja Ziemann und Rudolf Prack, diesmal im Lincoln Center. Gezeigt wird "Das Schwarzwaldmädel", der erste deutsche Nachkriegsfarbfilm aus dem Jahr 1950. Draußen braust der Broadway, drinnen rauschen die Tannen. Das Kino ist gut gefüllt, beim Abspann gibt es sogar Schlussapplaus. Das "Black Forest Girl" bildet den Auftakt einer Reihe, bei der noch bis in den Mai dreißig deutsche Filme aus den Nierentischjahren zu sehen sein werden. Heimatfilme, heißt es in einem Begleitheft zu der Reihe, sind das einzige originäre Genre, das der deutsche Film hervorgebracht hat, eine Art Western ohne Indianer. Schämen muss man sich nicht mehr für diesen Teil der deutschen Kinogeschichte, Kitsch ist Kult. Die interessantesten Vertriebenen-Seiten, die sie im Internet fand, hat Inez Templeton erzählt, stammten aus Kalifornien. Heimat ist offenbar kein Ort. Bloß eine Erinnerung.

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