Kultur : Heidi im Baader-Land

Cannes: Reaktionen auf den deutschen Wettbewerbsfilm – und eine Begegnung mit Jean-Luc Godard

Jan Schulz-Oja

Das Publikum jubelt, die Kritiker kritisieren nach Kräften, die internationalen Einkäufer stehen Schlange – für Celluloid Dreams, den französischen Weltvertrieb von Hans Weingartners „Die fetten Jahre sind vorbei“ läuft alles nach Plan. Nach den minutenlangen Ovationen bei der Galapremiere am Montag siedelt der erste deutsche Wettbewerbsbeitrag seit elf Jahren in Cannes zwar im unteren Feld der Kritiker-Rankings, andererseits zeichnet sich schon jetzt der Verkauf des Films in mindestens 30 Länder ab.

Am negativsten ist das Kritiker-Echo in den französischen Zeitungen. Die „Libération“ findet die Selbstfindungs-Story um drei Jugendliche, die einen zum Bonzen aufgestiegenen Alt-Achtundsechziger kidnappen, vor allem harmlos. Die Schauspieler – Daniel Brühl, Julia Jentsch und Stipe Erceg – seien zwar „süß“, aber der ganze Film tue „keiner Fliege etwas zuleide“. „Le Figaro“ erkennt auf „Heidi in Baader-Land“ und stößt ins selbe Horn: Die politische Vision des Films sei „so konturlos, dass man nicht weiß, ob dies der Naivität der Figuren geschuldet ist oder der des Regisseurs“.

Weitaus günstiger schneidet der Film bei den in Cannes viel beachteten Branchenblättern ab, die täglich in Zeitschriftendicke erscheinen. „Variety“ sieht zwar einen „erschreckenden Mangel an Ökonomie“ in der Story-Entwickung und „schwache Dialoge“, hält aber die kommerziellen Aussichten für den Film vor allem in Europa für ausgezeichnet. „Screen“ findet, der Film schwanke dauernd in seinen Stimmungen, aber gehe das nicht seinen jungen Helden genauso? Nur der „Hollywood Reporter“ ist vorbehaltlos angetan. „Die fetten Jahre sind vorbei“ gehöre zu der raren Spezies von Filmen, die „klugen Witz, tolle Charaktere, ausgefeilte Erzählung, erwachsene Dialoge, Spannung und ein vertracktes, überraschendes Ende“ enthalten. Zwischensumme: Ein mageres Jahr wird es nicht für den deutschen Film dieses Jahr in Cannes.

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Gottvater ist milde geworden. Pressekonferenzen mit Jean-Luc Godard waren früher meist Kriegserklärungen.Strenges Schweigen mit Zigarreschmauchen. Skeptisches Taxieren der Medienmeute. Antworten nur in Zitaten. Jetzt sitzt er da unter dem himmelblau ozeanischen Festival-Plakat, hat aus „Notre musique“ sein Team mitgebracht, schenkt dem Sprecher der Streikenden „Intermittents“ kostbare Konferenzzeit und an der Zigarre knabbert er nur zwei, drei Mal. Stellt die Schauspielerin Sarah Adler vor, sie spricht hebräisch. Der Ägypter spricht spanisch, die mexikanische Indianerin französisch. „Ich wollte“, sagt Gottvater mit tiefer zerkratzter Stimme, „den Film nicht untertiteln, aber ich musste. Jetzt haben Sie einen Film in Ihrer Sprache gesehen und nicht in der Sprache der Akteure, Sie haben höchstens fünf oder sechs Prozent gesehen.“ So blitzt er doch wieder hervor, der Guru, Provokateur, Mysterienmeister JLG. Spricht vom Verschwinden des Kinos in Zeiten der Globalisierung. Schimpft die EU-Kulturkommissarin Viviane Reding eine böse Fee, da sie heute, am Europa-Tag des Festivals, den europäischen Filmemacher kreieren wollte. „Ist sie Frankenstein?“ Und man merkt, er mag die an den Rand Gedrängten. Spricht von Sarajewo heute und vom Nahost-Konflikt und wendet sich wieder an Sarah. „Wenn Sarah in meine Wohnung käme und sagte, raus hier, mein Volk hat hier mal vor ein paar tausend Jahren gelebt: Würde ich ausziehen? Nein. Oder vielleicht doch, denn ich habe ja ein eigenes Land, das Land des Kinos.“ Christiane Peitz

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