Kultur : Heilen braucht Zeit

Gespräch mit der Regisseurin über die vergewaltigten Frauen, den Boykott ihres Films – und ihre Jugend in Sarajewo

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Frau Zbanic, „Esmas Geheimnis“ hat in Bosnien-Herzegowina 180 000 Zuschauern ins Kino gelockt, ein überwältigender Erfolg. In der serbischen Teilrepublik von Bosnien wurde er dagegen boykottiert. Was hat sich inzwischen getan?

Es gibt in dieser Teilrepublik nur ein reguläres Kino, in der Hauptstadt Banja Luka. Der Besitzer wollte „Esmas Geheimnis“ ursprünglich zeigen. Aber nachdem ich bei der Berlinale-Preisverleihung gesagt hatte, die Kriegsverbrecher Mladic und Karadzic müssen gefasst werden, befürchtete er, radikale Gruppen könnten sein Kino zerstören, wenn er meinen Film ins Programm nimmt. Nur wenn der Premierminister der serbischen Teilrepublik, Milorad Dodik, persönlich in allen Zeitungen die Vorführung des Films befürworte, würden die Leute nicht negativ reagieren. Also kontaktierten wir die amerikanische und die britische Botschaft; auch UN-Hochkommissar Christian SchwarzSchilling setzte sich in einem Brief für den Film ein, aber Dodik reagierte nicht. Der Grund ist offenbar, dass im Oktober bei uns gewählt wird.

Im Serbien selbst, wo es immer auch eine Opposition gegen Milosevic gab, hieß es Wochen nach der Berlinale, einige Verleiher seien interessiert.

Das hat sich zerschlagen. Inzwischen sind Raubkopien aufgetaucht. In Banja Luka verkaufen sie sich wie verrückt. Wir verlieren zwar Geld, aber die Leute können den Film wenigstens sehen.

Mirjana Karanovic, die die vergewaltigte bosnische Heldin des Films spielt, ist selber Serbin und lebt in Belgrad. Wie sind die Reaktionen dort?

Sie bekam viele Drohbriefe und schlimme Hassbriefe. Sie ist eine starke Persönlichkeit, schon im Krieg kämpfte sie gegen Milosevic. Einerseits ist sie das gewöhnt, andererseits sehe ich, wie sehr es sie verletzt und auch ihre Gesundheit beeinträchtigt. Und: Vor „Esmas Geheimnis“ hatte Emir Kusturica sie für eine Rolle in seinem neuen Film besetzen wollen. Jetzt ist davon keine Rede mehr.

Haben Sie für den Film auch andere serbische Darsteller engagiert?

Ich möchte meine Schauspieler nicht als Angehörige von Nationen charakterisieren. Gut, auch der Schauspieler, der den Glatzkopf Cenga spielt, ist Serbe. Meine Darsteller sind aus Serbien, Bosnien, Kroatien, sie sind tolle Schauspieler und tolle Menschen, das ist es, was mich entflammt.

Sie waren siebzehn, als der Krieg in Sarajewo begann. Drei Jahre lang lebten Sie 100 Meter von der Front entfernt.

Unsere Wohnung war gleich hinter dem Hotel Holiday Inn. Direkt davor ist eine Häuserreihe und der Fluss, auf der anderen Seite auf einem Hügel liegt der Stadtteil Grbavica. Die serbische Armee eroberte Grbavica im Mai 1992, danach versuchte sie mehrfach vergeblich über den Fluss zu kommen. Aber für die Scharfschützen waren wir erschreckend gut sichtbar. Ich konnte Grbavica durchs Fenster sehen, aber das war fast abstrakt für mich: Die Armee war unsichtbar; auch dass Leute dort ihre Häuser nicht verlassen konnten und in einer Art Konzentrationslager lebten. Erst mit dem Film habe ich das aus der Verdrängung herausgeholt.

Wie sind Sie mit der Angst umgegangen?

Wir alle, meine Familie, meine Freunde, versuchten, unser Leben normal fortzusetzen. Meine Mutter hatte Arbeit, kümmerte sich um die Familie, beschaffte Essen, obwohl es eigentlich keines gab, damit wir um 4 Uhr am Tisch sitzen konnten. Ich arbeitete bei einem Theaterfestival, obwohl die Kollegen mich warnten, aus dem Haus zu gehen. Es gab ja nicht nur die Alternative: in Sicherheit bleiben oder erschossen werden. So machten wir Kunst und Theater, gründeten eine Akademie. Das war Widerstand.

Spielte auch der Glaube für Ihre Zuversicht eine Rolle? Sind Sie Muslimin?

Ich komme aus einer kommunistischen Familie. Religiöser Glaube zählte nicht für mich. Ich habe irgendwann den ganzen Koran gelesen, aber da merkte ich, das funktioniert für mich nicht. Es ist eher die Kunst, an die ich glaube. Kunst ist so wichtig wie Brot. Ohne kulturelles Leben hätte ich mich noch gedemütigter, noch weniger menschlich gefühlt. Wenn Sie an die militärische Überlegenheit der jugoslawischen Armee denken und daran, dass die bosnischen Zivilisten am Anfang des Krieges keinerlei Waffen hatten: Eigentlich hätte Sarajewo in zwei Tagen tot sein müssen. Es ist ein Wunder, wie wir das geschafft haben.

„Esmas Geheimnis“ ist eingerahmt von Szenen, in denen Frauen sich singend und sprechend ihrem Kriegstrauma der Vergewaltigung zu stellen versuchen. Das wirkt wie eine meditative Metapher.

Solche Zentren existieren tatsächlich, allesamt von internationalen Organisationen finanziert – die bosnische Regierung hatte für die medizinische und andere Versorgung der vergewaltigten Frauen nie einen Penny übrig. Nur manche zwingen die Frauen förmlich zusammen und binden das an Geldzuweisungen, das habe ich in den Film eingebaut. Man kann nicht zur schnellen Heilung zwingen. Heilen braucht Zeit. Erst haben diese Frauen den Feind und seine Gewalt ertragen, und jetzt werden sie von der eigenen Gesellschaft abgelehnt. Das ist ein neues Trauma, genauso stark wie das erste.

Nach dem Dayton-Vertrag sollen sie jetzt auch nach Hause zurückkehren.

Das mag eine gute Regelung sein für die Leute, denen man ihre Häuser weggenommen hatte. Aber für die Frauen? Oft ertragen sie es nicht einmal, den Namen ihrer Stadt zu hören. Viele Kriegsverbrecher leben noch an ihrem Heimatort. Die Frauen, die jetzt in Sarajewo und Tuzla leben, müssen nun aus den Kollektivzentren oder Wohnungen raus. Niemand zwingt sie förmlich zurück, aber sie werden obdachlos.

Sara, Esmas Tochter, ist das Kind einer Vergewaltigung. Gibt es Statistiken darüber, wie viele solche Kinder heute in Bosnien aufwachsen?

Nein. Die meisten Frauen, die so lange gefangen gehalten wurden, bis sie nicht mehr abtreiben konnten, wurden gegen serbische Soldaten ausgetauscht. Sie kamen nach Kroatien, Deutschland, Schweden, überallhin, wo Flüchtlinge aufgenommen wurden. Die meisten gaben die Kinder dort sofort weg. Für sie war es ein Horror, die Kinder zu behalten. Viele von ihnen sind Musliminnen, für sie ist Sex vor der Ehe Sünde. Dass die Islamische Gemeinde diese Frauen zu Heldinnen erklärte, kam viel später.

Kennen Sie Einzelfälle von Frauen, die ihre Kinder behielten?

Einige, wenige. Eine Mutter lebt mit ihrem Kind in Amerika, unter neuem Namen. Eine ist in Australien. Eine lebt in Bosnien: Ihre Tochter weiß nichts, und die Mutter wird es ihr nie erzählen.

Alle Mütter schweigen?

Von einem Fall weiß ich, da weiß es der Sohn. Seine Mutter gab ihn auf Druck der Familie weg in ein Waisenhaus, wo sie ihn immer wieder heimlich besuchte. Sie arbeitete als Putzfrau, legte ohne Wissen der Familie zehn Jahre lang Geld beiseite, bis sie ein kleines Haus beziehen konnte. Dann nahm sie den Jungen zu sich.

Esma sagt einmal über die Männer: „Ihr seid alle Tiere.“ Wie finden die Männer zurück in die Gesellschaft, mit ihrer Kriegserfahrung?

In meinem nächsten Film geht es zwar auch um eine Frau, aber ich recherchiere auch über die Männer. Anders als die Frauen bekommen die bosnischen Kriegsveteranen ein bisschen Geld vom Staat. Alle Bosnier haben damit zu kämpfen, dass der Krieg ungerecht geendet hat. Die Serben wurden für ihren Genozid belohnt, indem ihnen die Hälfte des Landes gegeben wurde – genau jene Hälfte, in der sie so gewütet haben. Und viele Kriegsverbrecher sind immer noch nicht in Den Haag. Wenn die internationale Gemeinschaft uns rät, die Vergangenheit ruhen zu lassen, dann ermutigt man Kriegsverbrecher damit zu neuen Taten. Stellen Sie sich vor, die Nazis hätten nach dem Zweiten Weltkrieg ein eigenes Land bekommen: Wie hätte man mit so einem Land zusammenarbeiten sollen?

Es heißt, viele junge Bosnier sehen angesichts der fragilen Lage in ihrer Heimat für sich keine Zukunft mehr.

Untersuchungen sprechen von 70 Prozent. Es gibt aber auch Gegenströmungen – in der Musik, in der Kunst, in alternativen, kriegskritischen, multiethnischen Strömungen, in NGOs. Unlängst veranstaltete ich einen Schauspiel-Workshop mit jungen Serben in Sarajewo, und die waren noch nie aus Serbien herausgekommen! Wir müssen die Welt öffnen, auch wenn die Politiker das immer wieder verhindern wollen.

Eine andere Form von Mischung: In Ihrem Film treffen sich alle, ob angestellt oder als Gäste, im Nachtclub „America“. Ein sehr symbolischer Name.

In Bosnien erleben wir den Kapitalismus derzeit in seiner abscheulichsten Form. Die Bar ist eine Metapher für die Macht der Männer und des Geldes, auch dafür, dass Frauen nur noch Objekte sind. Sie sind vielleicht nicht Sklavinnen des Kapitalismus im Wortsinn, aber die Männer benutzen sie wie Sklavinnen. Da tobt sich die Energie aus, die Esma an ihre Vergewaltigung erinnert.

Sie haben selbst eine fünfjährige Tochter. Weiß sie von Ihrem Film?

Sie kennt ihn, natürlich, sie kennt die Schauspieler, sie ist ganz verrückt nach Luna, die die Tochter Sara spielt. Erst dachte ich, der Film ist vielleicht zu hart für sie, aber sie findet das toll, das Drehbuchschreiben zum Beispiel, und sie schreibt kleine Geschichten für sich selber auf. Sie heißt Zoe. Das ist Altgriechisch und bedeutet Leben.

Das Gespräch führte Jan Schulz-Ojala.

Jasmila Zbanic , geboren 1974 in Sarajewo, studierte Theater und Filmregie an der

Academy of Dramatic Arts in Sarajewo und gründete 1997 die Künstlergruppe und

spätere Filmfirma

Deblokada , mit der sie Kurz-,Dokumentarfilme und Videoarbeiten produziert. Zunächst drehte sie Kurzfilme : Bereits

in „Red Rubber Boots“ (2000), „Images from the Corner“ (2003) und Birthday“ (2005), einer Episode des Omnibusfilms „Lost & Found“, geht es vor allem um die Kriegserfahrungen bosnischer Frauen.

Grbavica , bei der Berlinale 2006 mit dem

Goldenen Bär ausgezeichnet, ist ihr Spielfilmdebüt. Der Film kommt am Donnerstag unter dem Titel

Esmas Geheimnis ins Kino – in Berlin im

Delphi, International und Yorck (alle OmU).

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