Kultur : Heiliger Boden

Die Familien der 9/11-Opfer fürchten zu viel Kunstfreiheit auf Ground Zero

Matthias B. Krause

New York, 27. Juni. Als George Pataki die Schlagzeile in der New Yorker Boulevard-Zeitung „Daily New“ sieht, reißt ihm der Geduldsfaden. „Ziehen Sie einen Schlussstrich, sofort!“ forderte das Blatt auf der Titelseite und bringt drinnen Bilder aus dem „Drawing Center“ in Soho, die Präsident Bush verhöhnen und die Folterungen im irakischen Abu-Ghraib-Gefängnis zum Thema haben. Der Haken bei der Geschichte: Die Kunstinstitution soll in fünf Jahren in das neue Kulturzentrum am Ground Zero ziehen. Eine Zumutung, finden die Angehörigen der Opfer vom 11.9.2001. Auch Pataki, als Gouverneur des Staates New York hauptverantwortlich für die Bauprojekte in Lower Manhattan, scheint kalte Füße zu bekommen.

Jedenfalls verlangt er vom Drawing Center und dem daneben geplanten International Freedom Center eine Garantie dafür, dass sie keine Ausstellungen zeigen, die die Gefühle der 9/11-Angehörigen verletzen. Die Gedenkstätte sei „heiliger Boden, wie der Strand an der Normandie oder Pearl Harbor.“ Man werde „nichts tolerieren, was Amerika, New York, die Freiheit oder die Opferbereitschaft und den Mut herabwürdigt, den die Helden am 11. September gezeigt haben“.

Meinungsfreiheit? Freiheit der Kunst? Überall könne sie ausgeübt werden, nur nicht ausgerechnet dort, wo die Zwillingstürme des World Trade Center standen, glauben die Angehörigen. Auf Touren gebracht hatte die Debatte ein Meinungsbeitrag im konservativen „Wall Street Journal“. Darin beklagte sich Debra Burlingame, Schwester eines Piloten des Fluges 76, der in das Pentagon stürzte, dass es nicht genügend Platz gebe, um die Artefakte vom Ground Zero angemessen auszustellen. Andererseits solle das Freedom Center aber sechsmal soviel Platz bekommen wie das 9/11-Denkmal. Zudem plane das Museum suspekte Dinge wie eine Ausstellung über die Sklaverei in Amerika, den Holocaust und Menschenrechtsfragen. Ihr Fazit: „Ground Zero ist uns gestohlen worden, direkt vor unserer Nase. Wie bekommen wir den Ort zurück?“

Offensichtlich durch massiven öffentlichen Protest. Vor einer Woche organisierten die 9/11-Angehörigen eine gut besuchte Demonstration. Laut Angaben der Website www.takebackthememorial.com unterschrieben fast 18000 einen Aufruf zur Verbannung von Freedom Center und Drawing Center aus Lower Manhattan. Motto: „Keine Politik am Ground Zero. Basta.“ Wenn das so einfach wäre. Denn das stattdessen geforderte schwülstige Heldengedenken ist auch eine politische Stellungnahme: amerikanisch, patriotisch, konservativ. Fragen nach dem Ursprung des Hasses und nach der Rolle der USA in der Welt können da nur stören.

„9/11 sollte nichts sein, das wir nur mit Samthandschuhen anfassen“, sagt dagegen Fareed Zakaria, Redakteur von „Newsweek“ und Berater des Museums der „New York Times“. Vielmehr sollte das Nachdenken angeregt werden „über unsere Position in der Welt“. Die Ausstellungsmacher hoffen immer noch auf Verständnis für ihr Konzept, das Momente des weltweiten Kampfs um Freiheit zeige, nicht Anti-Amerikanismus. Doch dass sich Debra Burlingame und ihre Mitstreiter mit solchen Beteuerungen beschwichtigen lassen, ist zu bezweifeln. Sie trauen vor allem Tom Bernstein, dem Gründer des International Freedom Centers nicht über den Weg. Bernstein war einst ein Kumpel des heutigen US-Präsidenten, mit dem er gemeinsam den Baseball-Klub Texas Rangers besaß. Der Anwalt und Investor hat jedoch längst die Seiten gewechselt. Seit zwölf Jahren wirkt er als Präsident der Menschenrechtsgruppe „Human Rights First“. Die machte in letzter Zeit Schlagzeilen, weil sie US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld wegen der Misshandlung von Gefangenen verklagte.

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