Kultur : Heiliger Krieg um Terri Schiavo

Amerikas religiöse Rechte heizt den Streit um die Sterbehilfe an. Dabei misstrauen viele den politischen Moralaposteln

Matthias B. Krause

Auch in den USA stellen Paare sich in diesen Tagen die Koma-Frage.Das Schicksal der in Florida sterbenden Koma-Patientin Terri Schiavo trifft die Nation an ihrem empfindlichsten Nerv: der Frage von Glaube und Staatsmacht, Religion und Gesetz. Während die 41-Jährige am Ostersonntag im Hospiz in Pinella’s Park die Kommunion erhielt – der katholische Geistliche Thaddeus Malanowski träufelte ihr Wein auf die Zunge – wird weiter erbittert gestritten. Sterbehilfe-Gegner protestieren unermüdlich vor dem Hospiz, in Talkshows äußern sich Schwerstbehinderte zum Wert des Lebens, Wundergeschichten von wieder erwachten Koma-Patienten machen die Runde.

Vor einer Woche hatte Präsident George W. Bush das Gesetz unterzeichnet, das den Eltern Schiavos den Weg zu den Bundesgerichten öffnete. Und er hatte dazu gesagt: „In Fällen wie diesen, in denen es ernst zu nehmende Fragen und fundamentale Zweifel gibt, sollten unsere Gesellschaft, unsere Gesetze und Gerichte eine Haltung zugunsten des Lebens einnehmen.“ Genützt hat es bekanntlich nichts. Nach sieben Jahren Streit und der 24. juristischen Niederlage ist der juristische Kampf seit dem Osterwochenende zu Ende. Gouverneur Jeb Bush, der Bruder des Präsidenten, sieht keine Möglichkeit mehr, zehn Tage nach der Entfernung der Magensonde noch lebensrettende Maßnahmen zu erwirken: Er habe keine Vollmachten, weder von der US-Verfassung noch von der Verfassung Floridas, die ihm erlauben würden, nach einer gerichtlichen Anordnung im Sinne der Eltern Schiavos zu intervenieren, sagte er zu Ostern im TV-Sender CNN. Das heißt, dass die Sonde, die Tochter Terri 15 Jahre lang am Leben erhielt, endgültig nicht wieder eingeführt wird. So hatte es ihr Ehemann und Vormund Michael verfügt. Nach den Vorhersagen der Ärzte wird Terri Schiavo in dieser Woche an mehrfachem Organversagen sterben.

Für die religiöse Rechte ist sie eine Märtyrerin. Seit Jahren sammelt sie Spenden in ihrem Namen, wirbt mit ihr für die eigene Sache. „Sie ist ein machtvolles Symbol für alles, was falsch ist in diesem Staat – dass kein Respekt für das Leben herrscht“, sagt John Green, religiös-konservativer Politik-Professor an der AkronUniversität, Ohio. Darin sind sich radikale Protestanten und Katholiken einig. In einer kraftvollen Koalition treten sie neuerdings Seite an Seite an: gegen Abtreibung, sexuelle Aufklärung, Stammzellenforschung, Sterbehilfe und Homo-Ehe. Sie setzen sich ein für eine „Kultur des Lebens“: Den Begriff prägte Papst Johannes Paul II., als er seine Ablehnung von Abtreibung und Sterbehilfe bekräftigte.

Diese Sprachregelung findet sich seit der Wahl im vergangenen Jahr, bei der die fundamentalen Christen einen entscheidenden Faktor für Bush darstellten, verstärkt auch bei den Republikanern in Washington wieder. Wobei sie ein wenig seltsam klingt aus dem Mund eines Präsidenten, der in seiner sechsjährigen Amtszeit als Gouverneur von Texas 152 Todesurteile unterzeichnete. Das waren mehr als die seiner 49 Gouverneurs-Kollegen zusammen im selben Zeitraum. 15, maximal 30 Minuten nahm Bush sich Zeit für die Revision der Fälle, auch Minderjährige und geistig Behinderte schickte er in die Todeszelle.

Das ebenfalls von Gouverneur Bush abgezeichnete Gesetz, demzufolge Krankenhäuser in Texas lebenserhaltende Maßnahmen gegen den Willen der Angehörigen einstellen können – etwa wenn die Rechnungen nicht mehr bezahlt werden können – wurde vor zwei Wochen erstmals angewandt. Gegen den Willen seiner Mutter entfernten Ärzte in Houston den Atemschlauch für den schwerstbehinderten sechs Monate alten Jungen Sun Hudson. Die religiöse Rechte schwieg. Bush auch. Weil es keine guten Bilder gab? Das Krankenhaus hatte Reportern den Zutritt verweigert, da sie angeblich Persönlichkeitsrechte verletzten. Nach Schätzungen der „American Academy of Neurology“ vegetieren in den USA rund 25000 Erwachsene und 10000 Kinder in einem ähnlichen Wachkoma vor sich hin wie Schiavo und Sun Hudson. Auch von ihnen spricht niemand.

Dafür ließ sich der Präsident medienwirksam von seiner Ranch in Crawford/Texas nach Washington fliegen, um das Sondergesetz für Schiavo mitten in der Nacht zu unterzeichnen. Er hätte genauso gut im Urlaub bleiben können, wie er es etwa im Sommer 2001 tat, als Geheimdienstberichte vor Al Qaida warnten. Aber diesmal hatten ihn die Parteifreunde im Kongress um den Publicity-Stunt gebeten – und im Gegenzug ihre Unterstützung für die auch in den eigenen Reihen umstrittene Privatisierung der staatlichen Rentenversicherung zugesagt.

Ohne die Bilder wäre die Schiavo-Geschichte nur halb so dramatisch. Unschätzbare Dienste leistete den Eltern ein wenige Sekunden langer Ausschnitt aus einem fünf Jahre alten Videoband. Er zeigt, wie die Tochter scheinbar auf die Umarmung ihrer Mutter reagiert. Doch die mit dem Fall befassten Neurologen sagen, es handle sich um eine Täuschung, Terri Schiavo habe teilnahmslos an die Decke gestarrt. Trotzdem ist das Video seit Tagen auf allen TV–Kanälen zu sehen.

Solche öffentliche Stimmungsmache hat zur Folge, dass die radikal-religiöse Rhetorik von vielen bedenkenlos übernommen wird. Sie betonen das entsetzliche Leid eines langsamen Verhungerns und Verdurstens, sprechen von „barbarischem Mord“, „Folter“ und „Kreuzigung“. Randall Terry, Sprecher der Schiavo-Familie, bemühte den Vergleich mit den NS-Gräueltaten, als er davon sprach, Terri Schiavo sehe aus, „als käme sie gerade aus Auschwitz“. Randell gründete einst die „Operation Rescue“, eine Bewegung, die mit radikalen Mitteln gegen Abtreibungskliniken vorgeht. „Terri befindet sich praktisch in der Todeszelle“, sagte auch Larry Klayman, Gründer der konservativen Juristen-Vereinigung „Judical Watch“.

Nach Ansicht der sie behandelnden Ärzte kann die mit Morphium versorgte Koma-Patientin jedoch keine Schmerzen spüren. Auch Joseph Fins, Ethikdirektor des New-York-Presbyterian-Krankenhauses, erläuterte in der „New York Times“, „der Teil des Gehirns, der das Empfinden von Leiden möglich macht“, funktioniere bei der Kranken nicht mehr.

Ob es sich für die Politiker auszahlt, dass sie sich vor den Karren von Schiavos Eltern gespannt haben, lässt sich derzeit nur schwer sagen. Umfragen zufolge sind fast zwei Drittel der Befragten dafür, Terri sterben zu lassen. Laut TV-Sender CBS sind sogar 82 Prozent in den USA davon überzeugt, dass sich Bush und der Kongress aus der Sache hätten heraushalten sollen. Die Meinungsforscher von der Konkurrenz ABC fanden heraus, dass drei Viertel der Überzeugung sind, der Kongress wolle nur seine eigene politische Agenda verfolgen. Dass es den Politikern tatsächlich darum ging, Schiavo am Leben zu erhalten, glauben nur 13 Prozent der Amerikaner.

Am aktuellen Erstarken der religiösen Rechten ändern diese Zahlen allerdings nichts. „Es ist ein ausgewachsener Dschihad, ein Heiliger Krieg, auf den sich unsere Regierung eingelassen hat“, urteilt etwa Frank Rich in der „New York Times“: „Am erschreckendsten ist, wie wenig wir von der Opposition gehört haben.“ In der Tat äußerten sich nur wenige Demokraten zur Debatte um Terri Schiavo. Der Abstimmung vor einer Woche blieben die meisten fern, und von denen die kamen, stimmte die Hälfte dafür und die andere Hälfte dagegen. Offenbar geht die Angst um, sich ins politische Aus zu manövrieren: Im augenblicklichen Klima in den USA gelten Befürworter von Abtreibung, Sterbehilfe und Stammzellenforschung als Vertreter der Kultur des Todes.

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