Kultur : Heim suchen

Es gibt immer weniger Familien, aber immer mehr Familiensinn. Über Geschichte und Utopie von Lebensgemeinschaften

Ursula März

Heute in unserer Serie zu den Grundsatzfragen der Wahl: die Familie. Bisher erschienen: Bildung (Peter von Becker, 7.8.), Sicherheit (Michael Rutschky, 12.8.), Umwelt (Harald Schumann, 20.8.), soziale Gerechtigkeit (Harald Martenstein, 26.8.), Arbeit (Matthias Greffrath, 30. 8.).

Keine Familie war ohne Schatten, ohne irgendein Problem, ohne ihr Drama. Auch die eigene nicht – Vater Lehrer, Mutter Hausfrau, zwei Kinder – , über die sich sagen lässt, dass sie erhalten blieb, dass ihr äußerer Erhalt auch nie in Frage stand und dass sie sich, im Vergleich mit den Verhältnissen rundum, glaubte, geordnet, normal, gesichert nennen zu dürfen.

In dem Mietshaus, wo sie im Erdgeschoss wohnte, lebten fünf Parteien. Unter dem Dach hauste ein junges, noch kinderloses Ehepaar, das sich regelmäßig lautstark stritt, ohrfeigte, versöhnte und im Hausflur penetrante Gerüche nach Bier und Schweiß hinterließ. Im ersten Stock saß ein stilles Ehepaar, das den einzigen Sohn im Zweiten Weltkrieg verloren hatte und aus Schlesien vertrieben worden war.

Die Familie daneben war insofern etwas kurios, als sie im Ruf schroff ungleicher Intelligenzverteilung ihrer vier Mitglieder stand. Der Vater und die jüngste Tochter galten als ein wenig beschränkt und bildeten eine symbiotische Union. Von der Mutter hieß es, sie sei hochbegabt und traurig, weil aus ihr nichts werden durfte und die Ehe schlecht ging. Die ältere Tochter hingegen (sie ist heute Professorin in Harvard) war eindeutig ein Genie. Sie konnte mit vier lesen, mit fünf anspruchsvolle mathematische Aufgaben lösen, ging aber seltsamerweise kaum zur Schule, lag meistens krankheitsanfällig im Bett und mied Kontakt zu anderen Kindern. Im Erdgeschoss gegenüber lebte ein alter Mann mit seiner unverheirateten, auch schon älteren Tochter, die tagsüber ins Büro ging. Sie wirkten vereinsamt und isoliert.

Das also war sie – die heile Welt der deutschen Kleinbürgerfamilie in den fünfziger und sechziger Jahren. In den Häusern daneben und auf der anderen Straßenseite sah es nicht besser, das heißt: nicht geordneter oder unproblematischer aus. Rechterhand fuhr der Ehemann morgens mit seinem Mercedes davon, kam um Mitternacht wieder, und die ganze Nachbarschaft wusste, dass er fremdging. Linkerhand hatte sich ein Ehemann auf dem Dachboden umgebracht, weil seine Frau fremdging. Im Haus gegenüber herrschte die Trunksucht. Ein Stück weiter die Straße hinunter glühte es verdächtig nach moralischer Unsittlichkeit. Denn was, wenn nicht die Anlockung von Herrenbesuch, sollte die rote Lampe im Wohnzimmerfenster einer Familie bedeuten, die offiziell vom Polizistengehalt des Vaters lebt, sich aber weit darüber hinausgehenden Konsum leistete?

Kurzum: Jede dieser Familien wich vom offiziellen Ideal der gesunden glücklichen Keimzelle der Gesellschaft mehr oder weniger ab. In jeder wurde das, was der jüngste Familienbericht der Bundesregierung gestelzt als „Humanvermögen“ bezeichnet, auf irgendeine Weise verschleudert. Würde man das oben beschriebene Szenario zum Sittenroman verarbeiten, berichtete dieser in erster Linie von familialen Beschädigungen diverser Natur. Dies aber in einer ein knappes halbes Jahrhundert zurückliegenden Zeit, von der die heutigen Prediger der so genannten richtigen Familie behaupten, damals sei sie noch nicht in der Krise, nicht vom Verschwinden, nicht vom Single-Individualismus, nicht von der Frauenemanzipation, nicht von der Gebärfaulheit bedroht gewesen.

Die Rede vom drohenden Ende des Familienmodells gehört zu den Standards jedweder, rechter wie linker Gesellschaftskritik. In wenig, eigentlich in nichts ist sich die Gesellschaft so einig wie im Dogma des hohen positiven Werts des traditionellen Familienmodells. In dieses Dogma stimmen auch Institutionen (wie die katholische Kirche), Gruppen (Alleinerziehende, Homosexuelle) und Personen (kinderlose, unverheiratete Politikerinnen) ein, die keine Familie haben oder nichts dazu tun, eine zu gründen. Das ist ein bisschen absurd, nämlich so, als würden Katzenhaarallergiker die Katzenhaltung für jedermann propagieren.

Niemand kann bezweifeln, dass die Situation der Familie heute ungleich schwieriger und prekärer ist als vor hundert Jahren. Ihre schiere Existenz gilt als labil, ja gefährdet. Auch darauf können sich alle einigen. Allerdings beruht die Beurteilung ihrer historischen Lage auf der selbstverständlichen Vereinbarung, sie an ihrer Vergangenheit, über den Daumen gepeilt an ihrer Lage im 19. Jahrhundert zu messen. Alles und jedes, Technologie, Verkehrsformen, Infrastruktur, Garderobe, Sprachgebrauch, Medizin, Ökonomie etc. scheint eine zivilisatorische Lizenz zur Veränderung und Verwandlung zu besitzen. Für das familiale Modell aber gilt, es solle so bleiben, vielmehr wieder so werden, wie es einmal war: Eltern, zwei, besser noch drei Kinder, die Großeltern möglichst mit dabei.

Es ist sicher schön, so zu leben. Aber wenn Jahr für Jahr immer weniger Menschen so leben wollen oder können, stellt sich langsam die Frage nach der Erfindung eines anderen, alternativen Modells. Der geläufige Familiendiskurs und die gegenwärtige Familienpolitik beruhen indes, so gut gemeint und sinnvoll sie im einzelnen sein mögen, nicht auf dem Prinzip der Erfindung, also des Neubaus, sondern auf dem der Reparatur, also der Wiederherstellung des Gewesenen. Laut einer Umfrage geben 92 Prozent der deutschen Bevölkerung an, die Familie für gesellschaftlich äußerst wichtig zu halten. Nur rund die Hälfte lebt aber in einer Familie. Wie jedoch leben all die anderen mit dem Widerspruch und der Schwermut, real nicht zu haben, was sie theoretisch loben?

Ist nicht gerade das notorische alarmierende Klagen über das Verschwinden der Familie deren stärkste Zukunftsbremse? Weil die Klage einen Ausschließlichkeitsanspruch mit sich führt, der das natürliche Gelingen des Modells schlussendlich überfordert? Und weil sie Alternativfantasien ausschließt?

Der „Schutz der Familie“ ist – wie das Dogma ihres besonderen gesellschaftlichen Wertes – ein Schlagwort, mit dem jeder, der es verwendet, ungefragt Recht hat. Genau betrachtet ist dieses Schlagwort äußerst zwiespältig. Es stellt die Familie unter einen künstlichen Artenschutz. Es betrachtet und behandelt sie wie eine vom Aussterben bedrohte Tierart. Auf solchen Tierarten aber liegt der Blick der Nostalgie, und es ist ein Silberblick. Denn die Rettungsanstrengungen der Nostalgie stehen im Verdacht, dass sie im Grunde für überlebt halten, was sie retten wollen.

Die nostalgische Idealisierung des Familienmodells ist indes nicht das Gegenteil, sondern die Schwester der seit geraumer Zeit grassierenden Dämonisierung der Familie. Beide besitzen kein entspanntes Verhältnis zum natürlichen Wandel der Familie. Die Idealisierung mutet ihr zu, der absolute Glücksfall der Gesellschaft zu sein. Die Dämonisierung mutet ihr zu, für alles Elend der Gesellschaft verantwortlich zu sein: Missbrauch und Gewalt, Kindesverwahrlosung und Bildungsleere, emotionale Verrohung ...

Ende der siebziger Jahre kam eine Studie zu folgendem Ergebnis: Die ausgeglichensten, glücklichsten Kinder wachsen in Familien heran, die mittelständische Klein- oder Handwerksbetriebe unterhalten, in Familien, in denen drei Generationen zusammen leben und es in jeder Generation mindestens zwei Geschwister gibt, in Familien, die darüber hinaus eingebettet sind in ein organisches soziales Umfeld aus Verwandten und Angestellten. In diesem Humus halten Freiheit und Behütetsein, Enge und Lockerheit die perfekte Balance. Es klingt einfach herrlich. Wer wäre nicht gern in diesem Bilderbuchparadies aufgewachsen. Aber wer lebte Ende der siebziger Jahre so? Wer hatte in der spätindustriellen Verwaltungs- und Bürokratieepoche den Besitzer eines mittelständischen Handwerksbetriebs zum Vater?

Die Studie hatte Recht. Aber mit ihren retrospektiven und deshalb irrealen Maßstäben war sie so produktiv, wie es der Vorschlag des Umweltministers wäre, das Automobil wieder abzuschaffen und durch Kutschen zu ersetzen, um die Luftverschmutzung zu stoppen. Ende der Siebziger indes machte ein spleeniges Modell namens Wohngemeinschaft der Kleinfamilie Konkurrenz. Dieses Modell ist über ein gewisses antibürgerliches, subkulturelles Prestige nie hinausgekommen – und auch nie über das Paradigma der Konkurrenz, das heißt, den Gedanken, die Familie ersetzen zu wollen.

Die Idee der Wohngemeinschaft lief auf das flüchtige Zusammenleben Gleichgesinnter hinaus und war somit der Gegenentwurf zum dauerhaften Zusammenleben Generationsverwandter, in der Regel von Eltern und Kindern. Das ist die Urform der Familie. Diese Form ist nicht nur gut. Sie besitzt – ohne Zweifel – ihre anthropologische Richtigkeit. Aber in ihrer historischen Krise dürfte es nicht reichen, sie allein mit Krippenplätzen und Elterngeld, mit Steuervergünstigungen hier und Beratungsstellen dort retten zu wollen. Sie ist, so wie sie vor 100 Jahren war, nicht konservierbar.

Schon die nackte Statistik spricht dagegen. Die Anzahl der Haushalte, die aus einer Person oder aus zwei Personen, kinderlosen Paaren und alleinerziehenden Müttern mit Kind, bestehen, wächst stetig. Deutschland steht in dieser Statistik europaweit an zweiter Stelle. Um die Familienidee tatsächlich am Leben zu erhalten, muss man der Familienform erlauben, sich umzudenken, sich neu zu fantasieren. Sagen wir, in Richtung Lebensgemeinschaften, in denen sich soziale mit verwandtschaftlichen Bindungen mischen. Es wäre nicht das Gleiche wie die großräumige Traumfamilie mit mittelständischem Handwerksbetrieb. Zu ihr führt kein Weg zurück. Aber vielleicht ein Weg in die Zukunft. Ein ähnlich schönes, großes Nest, nur anders gestaltet, anders zusammengesetzt.

Wer die Familie schützen will, muss ihr ein wenig Utopie erlauben. Nicht an ihrer Vergangenheit, sondern an ihrer Zukunft sollte sie gemessen zu werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben