Kultur : Heimat, ein Herbstmärchen

Fünf deutsche Titel beherrschen die Top Ten: Warum die einheimischen Kinofilme derzeit auf Rekordkurs sind

Jan Schulz-Ojala

Da dürfte selbst den Koreanern das Lächeln vergehen. Gerade freute man sich im Lande der Morgenstille und der Abendunterhaltung über sagenhafte 83 Prozent Marktanteil für koreanische Filme – da droht Ungemach aus dem eigentlich zahmen fernen Westen. Was, wenn ausgerechnet die Deutschen, in der Branche als geduldiges Vasallenvolk Hollywoods bekannt, an den schönen Rekordzahlen kratzen sollten, mit 70, 80, vielleicht sogar 90 Prozent?

Ganz so traumhaft kommt es nicht. Aber immerhin: Am vergangenen Wochenende war, gepusht durch zwei fulminante Neustarts („7 Zwerge“ und „Ein Freund von mir“), jeder zweite Film in den Top Ten heimischer Provenienz – und das Quintett schraubte den Marktanteil auf ziemlich runde 71,5 Prozent. An die koreanischen Septemberhöhen mag das nicht heranreichen, aber für einen goldenen Oktober reicht es allemal. Selbst stets umsichtige Statistiker wie Axel Kuner von Nielsen EDI wagen sich da auch ohne Detailsichtung jahrzehntelanger Vergleichsmaterialien an eine Art Superlativ: „Das dürfte einmalig sein.“

In der Tat, so massiert marschierte der deutsche Film in Deutschland seit langem nicht. Wobei die fünf Titel, die derzeit Furore machen, für eine vitale Bandbreite stehen: vom internationalen Erfolg („Das Parfum“) über das Serienprodukt („7 Zwerge“, die zweite) bis zu jener fast ausgestorbenen Sorte Film, die angesichts famoser Mundpropaganda wochenlang einen praktisch ermüdungsfreien Marathon durch die Kinosäle absolviert (Marcus H. Rosenmüllers „Wer früher stirbt, ist länger tot“).

Nun gut, „Das Parfum“ ist eher grenzwertig deutsch. Englisch gedreht, mit angelsächsischen Stars wie Dustin Hoffman und Alan Rickman und deutschen Schauspielern wie Corinna Harfouch und Jessica Schwarz auf eher kuriosen Nebenplätzen, ist das neue Produkt aus der Literaturbestsellerverwertungsfabrik Constantin ein klar für den Weltmarkt konzipiertes Produkt. Aber: Deren Kopf Bernd Eichinger ist Deutscher, ebenso sein aktuell diensthabender Regisseur Tom Tykwer – und mit Patrick Süskind als Buchautor steht ebenfalls ein Deutscher am Anfang der Verwertungskette.

Mit derlei Kategorisierungsproblemen müssen sich die Mitstreiter nicht herumplagen. Sönke Wortmanns Fußballfilm „Deutschland – ein Sommermärchen“ inszeniert den frischen nationalen Mythos, auch aus einer Bronze-Ehrung äußerstmögliches Glück zu schöpfen, auf kongeniale Weise; und dass auch Ottos jüngste Zwerge groß angefangen haben, ist auf sehr rührenden und kindlichen, allerdings kaum exportfähigen Humor zurückzuführen, der hierzulande in seiner gesamten Startwoche knapp 1,5 Millionen Zuschauer erfreute. Immerhin, diese drei deutschen Spitzenreiter dürften sich auch bei der Jahresbilanz in den Top Ten wiederfinden. Letztes Jahr schaffte es dorthin, ausschließlich umgeben von amerikanischer Massenware, nur Hermine Huntgeburths „Die weiße Massai“, mit gut zwei Millionen Zuschauern.

Das deutsche Herbstmärchen, das nach dem katastrophalen Filmvorjahr für ein deutlich besseres 2006 sorgen dürfte (der heimische Jahresmarktanteil steuert, wie schon vor zwei Jahren, mindestens 20 Prozent entgegen), hat eine Reihe von Gründen. Und mit viel diskutierten, teils umstrittenen Filmen wie „Das Leben der Anderen“, „Elementarteilchen“ oder „Der freie Wille“ auch seine Wegbereiter. Die internationalen Festival- und Oscar-Erfolge seit einigen Jahren mögen der Auslöser gewesen sein – mittlerweile aber hat sich bis zu Otto Normalkinogänger herumgesprochen, dass das Ticket für einen deutschen Film meist gut angelegt ist. Heimische Produktionen müssen in Sachen thematische Relevanz, erzählerische Professionalität, Star-Potential sowie (ausstattungs-)technische Attraktivität keinen Vergleich mehr scheuen. Schönstes und aktuellstes Beispiel: Sebastian Schippers heitere und melancholische, uneingeschränkt empfehlenswerte Freundes- und Liebesgeschichte „Ein Freund von mir“. Um es neudeutsch zu sagen: Wie schön, wenn auch hierzulande endlich content und production values stimmen.

Außerdem: Hollywood schwächelt nicht erst neuerdings – und das macht sich die Konkurrenz zunutze. Der traditionell mit mindestens 85 Prozent große Marktabräumer aus Übersee hat derzeit erschreckend wenig Innovationskraft. Und so ist es nicht verwunderlich, dass zuletzt mit „Harry Potter und der Feuerkelch“, „Ice Age 2“ und „Fluch der Karibik 2“ ausschließlich Retortenprodukte ganz oben in den Charts mitspielten. Auch die US-Filmbranche scheint in jene lähmende Krise geraten, die das ganze Land unter der Bush-Regentschaft erfasst hat. So wie Amerika derzeit seine geopolitische Führungsrolle aufs Spiel setzt, so verlieren auch seine Bewusstseinsindustrien an Attraktivität – wobei der Angebotsmangel und eine insgesamt wachsende Distanz des Publikums sich eigentümlich ergänzen. Die Weltleitkultur ist ins Trudeln geraten, und plötzlich wird offenkundig, dass auch die herkömmlichen Kulturen, darunter die abendländische, ihre Qualitäten haben. Gerade im Kino, neben dem Popbusiness der amerikanisierteste Kulturwirtschaftszweig, sind diese Folgen zu spüren.

Zu viel geträumt? Okay, demnächst kommen der neue Bond, das Animations-Abenteuer „Flutsch und weg“ sowie die Fantasy-Saga „Eragon“ ins Kino. Der deutsche Film, muntere Prognose, hält auch das locker aus. Und wenn nicht: Eine Quote à la Korea – dort muss in jedem einzelnen Kino an mindestens 73 Tagen im Jahr heimische Ware gezeigt werden – ist auch eine Lösung.

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