Heimatfilm im Internet : Freier Blick auf die Alpen

Abgesehen von der weihnachtlichen "Sissi"-Offensive ist der Heimatfilm aus dem Fernsehen verschwunden. Doch auf YouTube & Co feiert er eine erstaunliche Renaissance.

Schwarzwaldliebe. Christine Görner und Rudolf Lenz in „Mein Mädchen ist ein Postillion“ von Rudolf Schündler aus dem Jahr 1958.
Schwarzwaldliebe. Christine Görner und Rudolf Lenz in „Mein Mädchen ist ein Postillion“ von Rudolf Schündler aus dem Jahr 1958.Foto: Betafilm

Wer in Google spaßeshalber das Wort „Heimatfilm“ eingibt, erlebt eine faustdicke Überraschung. In knapp einer Sekunde spuckt die Datenkrake rund 350 000 Treffer aus den Tiefen des World Wide Web aus. Die Zahl verblüfft zunächst, da die Schnittmenge von Internet-Nutzern und Heimatfilm-Fans erwartungsgemäß überschaubar ausfallen sollte. Der Heimatfilm genießt einen ähnlichen Ruf wie die Volksmusik: als Genre der kulturellen Restauration und mentalitätspolitischen Regression – und damit Sinnbild der geschichtsvergessenen Adenauer-BRD. Man assoziiert mit ihm primär ranzige Traditionsverbundenheit und eine antimoderne Weltanschauung: das Gegenteil also vom Selbstverständnis des World Wide Web. Der Eindruck täuscht. Ausgerechnet im Internet erfährt der Heimatfilm gerade eine irre Renaissance.

Nur ein Mausklick weiter offenbart sich ein Paralleluniversum verschämter Cinephilie. Auf Youtube existieren ein Dutzend Kanäle, die sich dem deutschen Heimatfilm widmen. Dort kann man sich in voller Länge und akzeptabler Bild- und Tonqualität vergessenswerte Kuriositäten wie „Dort oben, wo die Alpen glühen“ (1956), „Wo der Wildbach rauscht“ (1956) oder „Die Landärztin“ mit Marianne Koch und dem unverwüstlichen Willy Millowitsch ansehen. Aber eben auch ein vergessenes Meisterwerk wie „Die Alm an der Grenze“ (1951) von Franz Antel oder Alfred Solms impressionistischen Bergkrimi „Wer die Heimat liebt“ (1957).

Die meisten dieser Filme sind auf handelsüblichen Wegen nicht mehr erhältlich („Die Alm an der Grenze“ erscheint im Herbst erstmals auf DVD) – oder die Rechteinhaber haben das Interesse an ihnen verloren. In dieser rechtlichen Grauzone treten Fans auf den Plan, die ihre Lieblingsfilme wieder verfügbar machen wollen.

Reaktion auf die öffentlich-rechtliche Programmpolitik

Denn auch aus dem Fernsehen ist der Heimatfilm – abgesehen von der weihnachtlichen „Sissi“-Offensive – verschwunden. Allenfalls die dritten Programme versenden aus Lokalstolz manchmal noch eine Heimatschnulze von regionalem Interesse. Der cinephile Aktivismus ist in gewisser Weise also eine Reaktion auf die öffentlich-rechtliche Programmpolitik. Und gleichzeitig eine Antwort auf die Frage, ob lineare Programmstrukturen überhaupt noch zeitgemäß sind. Im Fernsehen werden die Programmplätze für Spielfilme seit Jahren sukzessive gestrichen, gleichzeitig laufen immer mehr Filme in den Kinos an. Im Netz gibt es zudem Konkurrenz von Streamingdiensten wie Netflix oder Amazon Prime. Das Internet bleibt für viele deutsche Filme außerhalb des Klassikerkanons das letzte geschützte Biotop.

Für Moritz von Kruedener sind die Aktivitäten auf Youtube eine Konsequenz der veränderten Marktsituation für Nischen- und Genrefilme. Von Kruedener ist Managing Director von Beta Film und deren Tochterfirma Kineos, die die Fernsehrechte eines Großteils der Filmbibliothek aus der Konkursmasse von Kirch Media besitzt. Und dazu gehören neben den einschlägigen Bud-Spencer-Filmen auch ein Fundus an deutschen Heimatfilmen.

Auf dem Youtube-Kanal „Heimatfilme“ (mit eigenem Programmlogo) bietet Kineos seit Mai letzten Jahres eine kleine Auswahl dieser Titel in fernsehtauglicher Bildqualität an. Ungewöhnlich großzügig für einen Rechtehändler, aber natürlich steckt hinter der Geste geschäftliches Kalkül. „Der Kanal“, erklärt von Kruedener, „hat für uns einen experimentellen Charakter. Wir wollen lernen, wie wir das Publikum für diese Filme heute noch erreichen.“

Wirtschaftlich bedeute das Experiment für Kineos ein geringes Risiko, da die auf dem Kanal verfügbaren Filme „keine realistischen Verwertungschancen über die herkömmlichen Auswertungskanäle“ mehr haben. Im Internet treten sie hingegen in einen neuen, ihren vermutlich auch letzten Verwertungszyklus ein. „Auf diese Weise können wir die Filme weiter im öffentlichen Interesse halten“, meint von Kruedener.

Populäres Kino und Genrefilm seit jeher nachlässig behandelt

Dieses Motiv deckt sich mit der Mission des Deutschen Filminstituts (DIF), das im Auftrag von Kineos gerade Teile der Kirch-Filmbibliothek für die Nachwelt digitalisiert. DIF-Direktorin Claudia Dillmann hat sich in den letzten Jahren verstärkt als Verfechterin der sogenannten Digitalisierungsoffensive hervorgetan. Bei Diskussionen um die Rettung des Filmerbes war sie immer wieder als Minimalforderung erwähnt worden. Das Ziel dieser Initiative besteht darin, die deutsche Filmgeschichte sowohl in der Breite als auch in der Tiefe öffentlich verfügbar zu machen.

Es geht dabei also auch um solche Werke, die nicht unmittelbar von künstlerischem oder historischem Wert erscheinen. Die Sicherung der Kameranegative und Masterpositive wäre der notwendige zweite Schritt. Gerade in Deutschland sind das populäre Kino und der Genrefilm seit jeher äußerst nachlässig behandelt worden. Dieses jahrzehntelange Versäumnis wird momentan aufgearbeitet.

Nicht zufällig fällt das Revival des Heimatfilms – auch in cinephilen Blogs wie Hard Sensations, Eskalierende Träume und Dirty Laundry – mit einem neuen filmhistorischen Interesse am deutschen Kino der Nachkriegszeit zusammen. („Papas Kino“ nannten es die Unterzeichner des Oberhausener Manifests 1963.) Die von Olaf Möller und Roberto Turigliatto kuratierte Retrospektive „Geliebt und verdrängt: Das Kino der jungen Bundesrepublik Deutschland 1949 bis 1963“ warf beim letztjährigen Festival von Locarno neue Schlaglichter auf das deutsche Nachkriegskino, das in der seriösen Filmwissenschaft lange als Kontinuum des Kinos der NS-Zeit angesehen wurde.

Der Heimatfilm ist nur der Anfang

Olaf Möller verteidigt hingegen den Heimatfilm, in dem „die ökonomischen und die Macht- und Geschlechterverhältnisse brutal geklärt wurden.“ Die zeitgenössische Kritik unterschied kaum zwischen den qualitativ guten und schlechten Genrebeiträgen. Dieser vorherrschenden Meinung fiel unter anderem Helmut Käutners „Schwarzer Kies“ (1961) zum Opfer, der bei den 8. Westdeutschen Kurzfilmtagen 1962 mit dem „Preis für die schlechteste Leistung eines bekannten Regisseurs“ ausgezeichnet wurde. Auf der kommenden Berlinale wird „Schwarzer Kies“ in der „Classics“Reihe in einer restaurierten Fassung wiederaufgeführt.

Moritz von Kruedener überrascht die Pionierarbeit im Internet nicht. „Der Heimatfilm genießt Kultstatus, es gibt eine sehr treue Zielgruppe, die man leichter erreichen kann als mit anderen Genres.“ Echte Filmfans befriedigen ihre Cinephilie ohnehin längst „plattformunabhängig“: sie sehen Filme im Kino, auf DVD oder streamen. Auch von Kruedener sieht die digitalen Vertriebswege – ob kostenpflichtig oder umsonst – als Chance, um ein Publikum für abseitige Filme zu finden: „Der Heimatfilm ist sicher nur der Anfang.“ Das Internet wird sich weiter als Ort für Nischen- und Genrefilme etablieren und diese irgendwann vielleicht auch dem Vergessen entreißen.

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