Kultur : Heimwärts

Türkisches Melodram: „Mein Vater, mein Sohn“

Daniela Sannwald

Tränenströme werden derzeit vergossen in türkischen Kinos: Seit 15 Wochen haben knapp 3,4 Millionen Zuschauer einen Film gesehen, der mit nur 56 Kopien gestartet wurde. Cagan Irmaks „Babam ve oglum/Mein Vater, mein Sohn“ beginnt mit einer Geburt: Mit eigenen Händen bringt der Journalist Sadik seinen Sohn nachts in einem Istanbuler Park zur Welt. Weil niemand zu Hilfe kommt, stirbt seine Frau bei der Entbindung. Der Vorspann zeigt eine Montagesequenz aus Folterszenen, die ahnen lassen, dass Sadik einer der vielen kritischen Linken ist, die nach dem Militärputsch von 1980 unbarmherzig verfolgt wurden.

Die Handlung setzt ein, als Sadik, nach sechs Jahren aus der Haft entlassen, seinen Sohn Deniz kennen lernt. Beide reisen zu Sadiks Eltern, wohlhabenden Bauern – der Vater ein bärbeißiger und feindseliger Patriarch, Mutter und Schwägerin von überströmender Herzlichkeit. Dazu die Geschwister Sadiks, seine Schulfreunde, seine Jugendliebe, Hufschmied und Ladenbesitzer, eine ganze neugierige Dorfgemeinschaft umfängt Sadik und Deniz – nur der Alte spricht nicht mit den Neuankömmlingen. Ganz langsam entfaltet sich das Familiendrama, und wenn Vater, Sohn und Enkel sich schließlich doch annähern, ist es fast zu spät. „Babam ve oglum“ mag handwerklich bloß solide gemacht sein. Egal: Er ist herzzerreißend.

Alhambra, Karli

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