Kultur : Heiner-Müller-Biographie: Am besten spricht der Dichter selbst

Konrad Franke

Schreibend war er hart und unverbindlich, redend war er ein leutseliger Mensch: Wahrscheinlich können Hunderte von Zeitgenossinnen und Zeitgenossen über Erlebnisse und Gespräche mit Heiner Müller berichten. Mich brachte er dazu, Nietzsche zu lesen, Pop-Musik mit guten Texten zu suchen, seinen persönlichen Kleinkram von Pankow nach Lichtenberg zu transportieren.

Müller hatte eine Nietzsche-Ausgabe entdeckt, als er im Mecklenburgischen eine Bibliothek auflöste - Nietzsche sei sein erstes wirklich großes Lese-Erlebnis gewesen. Fortan las und sah ich Müller anders. Mit den Pop-Musik-Kassetten, über die Grenzegeschmuggelt, wollte er sein Englisch verbessern und einer Frau Freude machen. Der Kleinkram war umfangreich, Müllers Systematik schwer erkennbar. Jürgen Holtz und ich sahen uns ab und zu fragend an, packten dann die Kartons ein und wieder aus und stellten die alte Ordnung her, so gut wir konnten. In Pankow: lange Gespräche über Stalin, die DDR-Kulturpolitik, über Brecht, Hacks, Wittfogel, dazu Geschichten, Geschichten, Geschichten, viel hartes Gewässer und Rauch.

Die blödesten Sachen fallen einem zuerst ein: Wie ärgern Sie Ihren Nachbarn, der Sie geärgert hat? Wissen Sie nicht? Sie besorgen sich eine alte Zeitung, scheißen rein, knüllen sie zusammen, zünden sie an, klingeln beim Nachbarn, laufen weg, der will das Feuer löschen und steht in der Scheiße ... Da konnte Heiner Müller laut lachen. Das Lachen war krächzender geworden, als er in den 90ern Bertelsmann-Managern in einem Münchner Lokal ihre Horoskope aus der "Bild-Zeitung" vorlas und zuspitzte.

Die Witwe - auf Distanz

Wird eigentlich Michael Gaissmayer als Zeuge in Jan-Christoph Hauschilds Müller-Biographie genannt? Gaissmayer war in den 90er Jahren Müllers Manager. Nein, er wird nicht genannt. Man kann in fünf Jahren - Heiner Müller starb am 30. Dezember 1995 - nicht alle Zeugen suchen und finden. Hat Hauschild die wichtigsten Lebensbegleiter fragen können? Es scheint so, mit einer Ausnahme: Brigitte Maria Mayer, die vierte und letzte Ehefrau Müllers. Sie ließ sich zwar interviewen, wollte aber dann nicht in der Biographie zitiert werden. Wie kommentiert der Biograph diesen misslichen Umstand? "Daraus resultierende Disproportionen der Darstellung waren leider nicht zu kompensieren." Das nenne ich den Leser neugierig machen. Aber es gibt keine für mich erkennbaren Disproportionen.

Wer sich anschickt, die Biographie eines Toten zu entwerfen, der muss wissen, dass er etwas Kompliziertes beginnt. Von ihm wird erwartet, dass er den ganzen Menschen, das ganze Werk fasst, dass er seiner Haltung zum Helden und seiner Sprache sicher ist.

Jan-Christoph Hauschild hat gesammelt und geordnet. Er hat fleißig und viel gesammelt. Aber muss ich beinahe alles über Heiner Müllers Verwandtschaft und ihr Tun wissen, muss ich die Geschichte des Henschel-Verlags, die Kulturpolitik der DDR, den Niedergang der Sowjetunion kennen, um den Dramatiker zu verstehen? Hauschild zwingt den Lesenden, sich weithin selbst sein Müller-Bild aus dem zu reichlich Angebotenen zusammenzusetzen.

Angenommen, der Leser kennt Müllers Autobiographie "Krieg ohne Schlacht" von 1992 - erfährt er durch Hauschilds Biographie Neues, Überraschendes, das verbreitete Müller-Bild Korrigierendes? Das tut er nicht. Die im Nachlass gefundene "Grußadresse an einen Schriftstellerverband", geschrieben nach dem Wirbel um "Die Umsiedlerin", war bis jetzt nicht bekannt. Die "Adresse" ist, wie zu erwarten, hart, kompromisslos. Aber sonst? Was Müller nicht erklären wollten, erklärt uns auch Hauschild nicht.

Was brachte Müller dazu, dieselbe Frau nach noch nicht einmal einem halben Jahr wieder zu heiraten? Was erwartete, was gab, was bekam Müller von den Frauen? Oder: Was trennte ihn von Peter Hacks? Wirklich nur der Neid? Könnten es nicht auch politische Differenzen gewesen sein? Hat Hauschild mit dem langjährigen Müller-Unterstützer Hacks gesprochen? Oder: was drängte Müller tatsächlich, sich mit dem antiken Mythos einzulassen? Doch nicht nur der Umstand, dass die danach entstandenen Stücke "exportfähig" waren. Zwangen nicht die kulturpolitischen Verhältnisse, Großes und Gewaltiges weit rückwärts zu suchen?

Hauschild berichtet von Stück zu Stück, von Text zu Text und versucht, in diesen Berichten Müllers Erlebnis der Geschichte, Müllers Denken über Gewalt, Müllers Verlangen nach Mechanik, Müllers Verhältnis zu sich, dem "Genie", dem "besten lebenden Dramatiker", zu klären - er befördert da auch sehr viel, von Autobiographie- und Presse-Zitaten unterstützt, aber das "Innerste", der zentrale Gedanke, fehlt am Ende, das Gesamtbild dieses Dichters will sich nicht fügen.

Verehrt, liebt der Biograph seinen Helden zu sehr? Manchmal könnte man es meinen. Zwar gibt es den faulen, saufenden, familienfeindlichen, unzuverlässigen Müller, aber der gute ist stärker. Die Gespräche mit dem Staatssicherheitsdienst: nicht wirklich ein Problem. Und zu seinem jüngsten Kind ist er lieb. Und hat Heiner Müller nicht 1988 schon den Untergang der letztlich doch von ihm geliebten DDR prophezeit? "Du bist fertig, Staatsmann ... Der Staat braucht dich nicht mehr / Gib ihn heraus"?

Der Grundgedanke der Hauschildschen Bemühungen trägt nicht: "Heiner Müller oder Das Prinzip Zweifel" - das Zweifeln war Müllers Sache (und das beweist Hauschild ungewollt) nicht. Müller wusste. Und er wusste das jeweils Wichtige, Neue immer früher als die anderen, sah Parallelen und Widersprüche aus Kenntnis oder Ahnung schneller als die anderen, war, weil er sich in der Wahrheit wusste, ausdauernd, kaum ermüdbar, auch wenn alle Wirkungen verspätet öffentlich wurden - immer hatte er eine alte Idee, einen alten Plan zur Hand, von denen er wusste, die würden jetzt zu realisieren sein. Nur einer, der fest an sich glaubte, der wusste, was richtig ist und was falsch und was folglich zu tun war, konnte diesen langen Anlauf ohne Erfolg, ohne privates Glück, fast ohne Geld aushalten, konnte die Kämpfe durchstehen, den verzögerten Ruhm genießen. Als er das nicht mehr konnte, als er nach dem Untergang der DDR nicht mehr weiter wusste - da starb er.

Fragen - ohne Antwort

Als hätte Hauschild Zweifel an seiner Idee vom Zweifel als prägender Eigenschaft von Müller: Die Sprache der Biographie ist merkwürdig unentschieden. Mal müllert sie - "blutige Fratze des so genannten Dritten Reichs" -, öfter bleibt sie im Klischee stecken - "Der heraufziehende Faschismus macht auch vor Sachsen ... nicht halt" -, und hin und wieder ist die Wortwahl einfach ärgerlich schlampig - "An den Ufern der Maas hatten sich Deutsche und Franzosen zwischen Mai und Dezember 1916 einen der erbittertsten Stellungskriege des Ersten Weltkrieges mit zusammen über siebenhunderttausend Toten geliefert."

Anders gesagt: Es fehlt jede Eleganz. Diese Biographie kommt zu früh. Deshalb ist sie auch so umfangreich. Das ist eine Fleißarbeit, in der die Zitate aus Müllers Autobiographie am stärksten wirken, ideell, faktisch, sprachlich. Die Frage, wie groß war Heiner Müller, was machte ihn groß und was wird von ihm bleiben, diese Frage diskutiert Jan-Christoph Hauschild - aber er beantwortet sie nicht in seiner Müller-Bibel für Liebhaber.

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