Heinz Helle und sein neuer Roman : Das Beste oder das Nichts

Postapokalypse, Männerfreundschaft und Gegenwart: Heinz Helles wunderbar düsterer, wunderbar lichter Roman „Eigentlich müssten wir tanzen“.

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Der Schriftsteller Heinz Helle, geboren 1978
Der Schriftsteller Heinz Helle, geboren 1978Foto: Jürgen Bauer/Suhrkamp Verlag

Als im vergangenen Jahr Heinz Helles Debütroman erschien, machte allein der Titel neugierig: „Der beruhigende Klang von Kerosin“. So viel Poesie, so viel Sprachmelodie, so viele Gegensätze in einem einzigen Satz! Was wohl in diesem Buch steckte? Eine Liebesgeschichte zwischen Deutschland und New York, erzählt in kurzen, rhythmischen Sätzen, (wenn auch im Präsens verfasst, das hier aber nie anfängerhafthilflos wirkt), die Lebens- und Verzweiflungsgeschichte eines unermüdlich grübelnden jungen Philosophen.

„Eigentlich müssten wir tanzen“, der dieser Tage erschienene, für den Deutschen Buchpreis nominierte Nachfolger (Longlist), schließt an dieses Debüt konsequent an, vom schön melodiösen, originellen Titel über eine karg anmutende Sprache bis hin zu seinen gelegentlichen philosophischen Ausflügen.

Obwohl die Geschichte eine völlig andere ist, sich der 1978 in München geborene und in der Schweiz lebende Helle dieses Mal erfolgreich an einem mitunter seltsam anmutenden, postapokalyptischen Roman versucht hat. Düster, wie es sich für das Genre gehört, dann aber wieder voller lichter Schneisen – und seltsam reich und dicht, wenngleich er gerade einmal 160 Seiten umfasst und mehr aus einer Aneinanderreihung von knapp siebzig kurzen Szenen besteht, als dass er stringent nach vorn erzählt wird.

Was genau passiert ist, erzählt Helle klugerweise nicht, so wie seinerzeit auch Thomas Glavinic in „Die Arbeit der Nacht“

Nein, oft hat man gar den Eindruck, diese Geschichte hat etwas spriralenförmiges, dreht sich im Kreis, mit ihren Rückblenden, die nicht nur auf die Vergangenheit der fünf männlichen Protagonisten zielen, sondern auch auf deren Gegenwart. Drygalski, Golde, Gruber und Fürst heißen sie, und was ihnen widerfährt, erzählt ein namenloser Ich-Erzähler. Die Männer, allesamt zwischen dreißig und fünfunddreißig Jahre alt, irren im Grenzgebiet von Deutschland und Österreich umher, in den Tiroler Bergen, wo sich eine Katastrophe zugetragen haben muss. Alles ist zerstört, Autos, Häuser und Fabriken, überall liegen Leichen. Aber es gibt auch Überlebende: eine Frau, die die Männer gleich zu Beginn vergewaltigen („Du willst es doch auch“), ein Kind, dessen Eltern nicht weit entfernt mit eingeschlagenem Schädel liegen, ein Mann in einer Hütte, den sie, da sind sie selbst nur noch zu zweit, jagen und erschlagen.

Was genau passiert ist, erzählt Helle klugerweise nicht, so wie es seinerzeit auch Thomas Glavinic in „Die Arbeit der Nacht“ oder Cormac McCarthy in „Die Straße“ nicht gemacht haben. Das verstärkt die Beunruhigung, die von dem Ganzen ausgeht, und erhöht die Spannung. Die Männer sind ganz auf sich selbst gestellt, sie kämpfen um ihr Leben und Überleben – und ringen mit ihren Erinnerungen.

So viel Gegenwart hat es, bei aller Düsternis, aller Apokalypse, in der deutschsprachigen Literatur schon lange nicht mehr gegeben.

Helles Erzähler weiß noch, wie sie sich zu fünft in ein Auto geklemmt haben und über die Autobahn Richtung Süden gebraust sind, schon in dem Wissen, „so lustig wie früher würde es eh nicht mehr werden“; wie sie im Jugendzentrum den Feuerlöscher geklaut haben. Oder wie sie sich einst in einer Berghütte einmieteten und es dabei nicht zuletzt um die „Möglichkeit von Nähe an einem sicheren Ort“ ging. Das ist jetzt nicht viel anders, nur bekommt diese Nähe eine neue Wertigkeit; und auf einmal werden sie sich der Schönheit der Landschaft bewusst, einer Landschaft, die da ewig sein wird und die sie eine „physische Angst vor dem Tod" verspüren lässt. „Also tanzten wir. Fünf Männer tanzten. Wir tanzten im dunklen Speisesaal, wir sahen unsere Gesichter nicht, wir hörten uns staunend schnaufen, hecheln..."

Solche poetischen Momente gibt es immer wieder, Helle gelingen eindringliche, rührend, auch komische Szenen. Zum Beispiel als die fünf ein Peace-Zeichen in ein schneebedecktes Feld zu malen versuchen, um vielleicht doch noch einmal gute und friedfertige Menschen auf sich aufmerksam zu machen. Am Ende fehlte ein Strich, und es hat nur zu einem Mercedes-Stern gelangt: „Das Beste oder nichts“, sagt dann einer. Heinz Helle hat mit „Eigentlich müssten wir tanzen“ nicht bloß einen schnöden postapokalyptischen Roman geschrieben, sondern auch einen über Männerfreundschaft; einen Roman, der über das Vergehen der Zeit genauso viel erzählt wie er es versteht, Natur und Zivilisation (und Zivilisationsmüdigkeit) gegenüberzustellen. So viel Gegenwart hat es, bei aller Düsternis, aller Apokalypse, in der deutschsprachigen Literatur schon lange nicht mehr gegeben.

Heinz Helle: Eigentlich müssten wir tanzen. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015. 172 Seiten, 19, 95 €.

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