Kultur : Heiß in der Kälte

Zu Gast in Berlin: die weißrussische Dichterin Valzhyna Mort.

Nico Bleutge
Weltreisende Exilantin. Valzhyna Mort, 1981 in Minsk geboren, lebt heute in Washington, D.C. Foto: Ullstein/Susanne Schleyer
Weltreisende Exilantin. Valzhyna Mort, 1981 in Minsk geboren, lebt heute in Washington, D.C. Foto: Ullstein/Susanne SchleyerFoto: ullstein bild

Der menschlichste Laut, den ein Körper je hören kann – für Valzhyna Mort ist es das nächtliche Zähneputzen am Ende des Flurs. In einem Gedicht ihres neuen Buches verbindet sie die Szenerie einer Liebesnacht mit Gedanken und Bildern über den Körper. Sinnliche Wörter verwandeln die Nacht in einen Klangraum der Wahrnehmung – „sogar die Heuschrecken hören zu, verwirrt“ –, bis die Sprecherin im Lauschen fast aufgeht: „Durch die Wände liest ihr Nachbar die Namen von Medikamenten / und sie glaubt, er würde Edelsteine zählen: Amiodaron, Zofenopril, Metoprolol, Mexifin“.

Bei Valzhyna Mort wechseln die Wörter ständig ihren Sinn. Die Verse der jungen Dichterin aus Weißrussland verdanken sich einem verschobenen Sprachempfinden. Bisweilen gibt es Bilder, in denen Land und Himmel aussehen, als halte sie „ein zerquetschter Schmetterling / zusammen, der zwischen ihnen trocknete“. Und Schweiß kann unversehens lebendig werden, „aus Baumwollfalten kriechen, / sich ausbreiten und vermehren / wie Küchenschaben“. Valzhyna Mort macht die Welt wieder fremd. Mit ihrer Sprache formt sie die Laute zu Klängen und rhythmischen Figuren, die den Leser aus seinen vertrauten Vorstellungen holen.

Wo das Schreiben sich ständig wandelt, kann vielleicht auch die eigene Geschichte nur beweglich sein. Valzhyna Mort wurde 1981 in Minsk geboren und wuchs in einer russisch sprechenden Familie auf. Das Weißrussische, die in der Sowjetunion unterdrückte Volkssprache, lernte sie erst in der Schule. Es sei das musikalische Moment, hat sie einmal erzählt, das sie an dieser Sprache so anziehe, die Möglichkeit, Vokale und Silben miteinander spielen zu lassen.

Emphatisch ist ihr Verhältnis zur weißrussischen Sprache, aber keineswegs: „Diese Sprache hat nicht einmal ein System / ein Gespräch mit ihr zu führen ist unmöglich“. So hat sie es in ihrer zweiten Gedichtsammlung formuliert, die auf Deutsch 2009 unter dem Titel „Tränenfabrik“ erschienen ist. Wenn sie nicht wieder einmal in Berlin ist, wo sie in diesem Semester eine Poetikdozentur innehat, wohnt Valzhyna Mort in Washington, D.C. Zum Weißrussischen kommt nun die englische Sprache. Und so wie sie in ihrem neuen Band Prosa und Lyrik nebeneinander stellt, verbindet sie die Sprache ihrer Kindheit mit jener ihres selbst gewählten Wohnorts.

Obwohl die eigene Geschichte das Bild- und Klangreservoir ihres Schreibens ist, sind die Verse und Prosastücke doch alles andere als eine bloße Schilderung der Vergangenheit. Eher schon ist es eine Übersetzung von Landschaft und Erinnerung in sprachliche Atmosphären. Ein wenig ruhiger nun, nicht mehr so ruppig wie in „Tränenfabrik“, schneidet sie Szenerien, Figuren und Gedanken in bildstarken Sätzen zusammen. Und findet vor allem Körpermetaphern, die Natur und Erinnerung verschmelzen. Uljana Wolf hat in ihren Übertragungen den scheinbar absichtslosen Rhythmus vieler Verse gut getroffen, ebenso die Klangspiele.

So stark ist die assoziative Kraft der Bilder, dass die Heuschrecken fast in jedem Gedicht verwirrt lauschen könnten. In der Prosa indes gelingt es Valzhyna Mort, etwas nicht nur zu sagen, sondern es durch die Struktur der Texte zu zeigen. Eines der intensivsten Stücke trägt den Titel „Tante Anna“. Kindheitsbilder voller Milchkannen, Mücken und „aufgewärmter Pfannkuchen“ finden hier mit Erinnerungen an die Familie und geschichtlichen Spuren zusammen. Es sind wundersame Konstellationen, in denen die Perspektive immer wieder wechselt.

Bei all dem versteht es Valzhyna Mort, eine Ahnung von den sozialen und historischen Bedingungen zu geben. Weißrussland ist ihr ein „für die Geschichte ungeeignetes Land“, in dem es „niedrige, in den Schwarzerdeboden hineingewachsene Holzhäuser“ ebenso gibt wie Kabel unter dem Gras“, in denen der Strom lebt wie ein Tier“. Katharina Narbutovic, die Übersetzerin der Prosa, hat diese Details in ein pulsierendes Deutsch umgeformt. Am Ende vermischen sich die Eindrücke wieder. Und die Sprache verschiebt sich erneut: „Ihre Sinne sind bereits an eine andere Frequenz angeschlossen – in der Hitze ist ihr kalt und heiß in der Kälte, Saures schmeckt bitter, Bitteres salzig“.

Valzhyna Mort: Kreuzwort. Deutsch von Katharina Narbutovic und Uljana Wolf. Suhrkamp, Berlin 2013. 107 S., 12 €. – Die Autorin hat in diesem Semester die Siegfried-Unseld-Gastprofessur am Institut für Slawistik der Humboldt-Universität inne. Am 3. Juli um 18 Uhr hält sie im Collegium Hungaricum Berlin (Dorotheenstr. 12) ihre öffentliche Antrittsvorlesung unter dem Titel „The Kitsch and Catch of Exile”.

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