Kultur : Helden der Aufklärung

Zehn Jahre Einstein Forum in Potsdam: Direktorin Susan Neiman verteidigt die demokratische Kultur

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Grenzen zwischen Geistes und Naturwissenschaften überschreiten. Hochkarätige Vorträge und Tagungen organisieren. Gäste aus dem Ausland, vor allem aus USA und Israel einladen und den intellektuellen Austausch gestalten. Das sind die Ziele des Einstein Forums am Potsdamer Neuen Markt. Brandenburg finanziert das vielbeachtete Institut mit 770 000 Euro jährlich, weitere Mittel werben die neun Mitarbeiter von Sponsoren ein. Zum heutigen Jubiläum wollen die Beiratsmitglieder, zu denen Hans Magnus Enzensberger zählt, keine gewichtigen Festvorträge halten, sonder ein „Kaleidoskop intellektueller Künste“ entfalten.D.N.

Stellen Sie sich vor, das Einstein Forum wäre ein Mensch. Wäre der an seinem heutigen zehnten Geburtstag ein Kind, ein junger Erwachsener oder hätte er schon graue Haare?

Zehn Jahre ist ein großartiges Alter: Man kennt uns, wir sind etabliert, wir brauchen uns nicht mehr zu beweisen, dennoch steht vieles offen. Wunderbar!

Ein Mensch im besten Alter also – und vom Charakter her: sehr intellektuell, sehr elitär …

Mich stört das Wort „elitär“, obwohl ich selbst alle Vorteile einer elitären Bildung genossen habe. Wir versuchen, nur Vorträge höchster Qualität zu präsentieren, in einer Atmosphäre, die alles andere als elitär ist. Bei uns ist jeder willkommen. Es kommt vor, dass sich ein Arbeitsloser mit einem Bankier streitet. Einer unserer regelmäßigen Gäste ist Gurkenhändler, ein anderer Botschafter. Diese Offenheit ist uns wichtig.

Das Einstein Forum hat sich einen exzellenten Ruf erworben, in Berlin-Brandenburg und international. Was ist das Erfolgsrezept?

Ein guter Mitarbeiterstab. Jeder fühlt sich für alles verantwortlich, von der Reisekostenabrechnung bis zur Konzeption von Tagungen. Außerdem haben wir sehr gute, international vernetzte Mitglieder im Beirat und im Kuratorium, die uns viele Anregungen geben, wen wir einladen könnten, welches Thema wir aufgreifen sollten. Man braucht Menschen mit Mut, die nicht in einem Fach oder einem Land fest verankert sind, sondern über Grenzen hinwegblicken.

Wie würde Albert Einstein, Ihrem Namensgeber, das Programm gefallen? Die Verbindung von Geistes- und Sozialwissenschaften gelingt Ihnen gut; aber die Naturwissenschaften spielen eine geringere Rolle.

Einstein war nicht ausschließlich auf sein Fach, die Physik, konzentriert. In seinen Brandenburger Jahren diskutierte er mit vielen Gästen in Caputh über Gott und die Welt, vor allem über Politik. Wir nehmen die Tradition eines vielseitig interessierten Menschen auf, der moralisch und politisch sehr differenziert urteilte. Ich bin immer wieder beeindruckt von Einsteins Engagement, beispielsweise bei der Gründung des Staates Israel, wobei er die Diskriminierung der Araber stark kritisierte. In den USA war er in Bürgerrechtsfragen engagiert und hat sich vehement gegen die McCarthy-Politik gewehrt. Engagierte Wissenschaft: Das ist auch unser Anliegen.

Sie beziehen vehement Stellung gegen die Politik des amerikanischen Präsidenten George W. Bush. Der Irak-Krieg forderte Sie als Amerikanerin und als Moralphilosophin heraus. Haben Sie sich hilflos gefühlt, so fern der Heimat?

Nicht hilfloser als der Leiter eines Harvard-Instituts, das gegründet wurde, um die US-Regierung zu beraten. Der Kollege sagte mir verzweifelt: Die Leitung nach Washington ist tot, es will uns keiner hören. Dieses Gefühl hatten fast alle kritischen Intellektuellen. Ich war froh, dass ich hier in Potsdam wenigstens andere Stimmen aus Amerika zu Gehör bringen konnte.

Sie haben einen Waffeninspektor und einen UN-Mitarbeiter eingeladen, die aus Protest gegen die US-Politik ihre Ämter niedergelegt haben. Und eine Philosophin sprach über die verheerenden Folgen der Sanktionen gegen den Irak. Das sind eher politische als wissenschaftliche Veranstaltungen.

Wir geben Informationen und hoffen, so zu einer demokratischen Kultur beizutragen. Im Dezember haben wir palästinensische und israelische Politiker unWorkshop eingeladen, um zu zeigen: Es gibt engagierte Menschen, die an einem Friedensprozess arbeiten.

Demokratische Kultur würde aber auch bedeuten, einen Bush-Verteidiger einzuladen.

Wir haben Josef Joffe, Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“ zur Debatte über die transatlantische Krise eingeladen. Sein Kontrahent war der USA-kritische Historiker Heinrich Winkler. Das Einstein Forum ist nicht neutral. Wir versuchen, andere Blickwinkel zu zeigen als die offizielle Politik.

Sie haben ein Buch über „Das Böse im modernen Denken“ geschrieben, nun wollen Sie über Heldentum forschen. Wer ist für Sie ein Held?

Wenn mir das klar wäre, würde ich das Buch schon schreiben. Tatsächlich arbeite ich jetzt an einem historischen Roman. Aber das Helden-Thema beschäftigt mich: Ich denke an einen ganz anderen Typen als den romantischen Helden, an die Helden der Aufklärung. Ambivalente Figuren, niemand, den man ohne Einschränkung bejubeln würde.

Das Gespräch führten Amory Burchard und Dorothee Nolte.

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