Helmut Schmidt : Schmidts Hits

Longseller: Der Altkanzler spielt Mozart und Bach.

Ulrich Amling

Es ist kurz vor Heiligabend des Jahres 1981, als der deutsche Bundeskanzler zu einer geheimen Mission nach London aufbricht. Weder Downing Street noch Buckingham Palace sind seine Ziele. Helmut Schmidt findet sich in den legendären Abbey Road Studios ein und nimmt dort am Flügel Platz, wo einst die Beatles ihre Platten produzierten. Zusammen mit Christoph Eschenbach, Justus Frantz und dem London Philharmonic Orchestra spielt der Regierungschef Mozarts Konzert für drei Klaviere KV 242 ein. Kleinere Missgriffe des sorgfältig präparierten Kanzlers bereinigt der Aufnahmeleiter rasch selbst – und zur Feier der gelungenen Produktion wünscht sich Schmidt Fish and Chips. Als sein Schallplattendebüt ein Jahr später in den Handel kommt, ist die Regierung Schmidt schon abgetreten. Seine Mozartaufnahme aber verkauft sich bestens.

Nun wurde die CD zu Schmidts heutigem 90. Geburtstag neu aufgelegt (Das Mozart Konzert, EMI), mit einem leicht modifizierten Cover: Die professionellen Mitstreiter Eschenbach und Frantz sind verschwunden, der Kanzler, entspannt am Flügel lächelnd, füllt allein das Bild. Musizieren als erste Bürgerpflicht. Das galante Konzert macht es Schmidt leicht: Am dritten Klavier saß bei der Uraufführung eine junge, noch wenig erfahrene Klavierschülerin, die nach einem einfachen Part verlangte.

Auch der junge Schmidt lernte früh, Musik zu hören und zu spielen. „Und dabei haben mich immer die Klarheit, die Durchsichtigkeit und die Ordnung der polyphonen Barockmusik mehr angezogen als alle Klassik und Romantik.“ Klar, dass Schmidts zweite Aufnahmesitzung Bach gelten würde. 1985 nimmt er abermals mit Eschenbach und Frantz sowie Gerhard Oppitz das Konzert für vier Klaviere BWV 1065 auf. Gut elf Minuten Altersweisheit, gelöst und schnörkellos präsentiert (Helmut Schmidt: Kanzler und Pianist, Deutsche Grammophon, mit Doku DVD „Helmut Schmidt außer Dienst“). Schmidt verehrt Bach und die Variation eines Bach-Ausspruchs bildet das Credo des Musikliebhabers: „Musik gilt der Erneuerung der Seele des Menschen.“ Beide zum Geburtstag wiederveröffentlichten Schmidt-Konzerte gewähren Einblick in die Inszenierung eines zutiefst bürgerlichen Kulturverständnisses und zeigen nebenbei, wie sich der rastlose Arbeiter Schmidt eine ganz private Atempause verschafft: Wer mit beiden Händen Klavier spielt, kann sich keine Zigarette anzünden.

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