Henning Ritter : Die schönen Schauer der Erstarrung

Aphoristisches Denken auf dem Höhenkamm: Henning Ritters „Notizhefte“

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Relikte eines Hausheiligen. Kleines Sortiment von Hans Blumenbergs Zettelkästen im Marbacher Literaturarchiv.
Relikte eines Hausheiligen. Kleines Sortiment von Hans Blumenbergs Zettelkästen im Marbacher Literaturarchiv.Foto: Chris Korner/DLA

Unter Denkern gibt es sowohl Jäger als auch Sammler. Der Jäger hat ein Ziel vor Augen. Er hetzt seine Beute mit heißem Bemühen, erlegt sie und spießt sie triumphierend auf. Die Zitate, die er jagt, sind zur sofortigen Verwendung bestimmt. Er schmückt sich mit ihnen, aber nur, um sie einzukochen oder im Fett der eigenen Gedanken zu braten. Der Sammler dagegen ist allein mit dem Staunen über die Fülle schon gedachter Gedanken schon so beschäftigt, dass er gar nicht dazu kommt, seine Zufallsbeute zu verarbeiten. Er pökelt sie ein, verfrachtet sie in die Speisekammer oder friert sie ein.

Henning Ritter ist zweifellos ein Sammler. Seine „Notizhefte“, die Aufzeichnungen aus den Jahren 1990 bis 2009 umfassen, leben davon, die unüberschaubaren Lesefrüchte seines Denkerlebens in einer wenigstens vorläufigen Ordnung zu organisieren. Er übt sich, um es mit einem Wort von Walter Benjamin zu sagen, zu dem er aus noch zu erläuternden Gründen ein distanziertes Verhältnis pflegt, in „einer Form des praktischen Erinnerns“, und sein Glück ist „die tiefste Bezauberung des Sammlers, das Einzelne in einen Bannkreis einzuschließen, indem es, während ein letzter Schauer (der Schauer des Erworbenwerdens) darüber hinläuft, erstarrt.“ Man könnte auch sagen: Henning Ritter packt seine Trouvaillen in die Tiefkühltruhe, obwohl sie wahrscheinlich nie wieder aufgetaut werden. Denn er denkt gar nicht daran, sich alles Aufbewahrte zu eigen zu machen. Es sind mögliche Erkenntnisse, nicht notwendige.

„Ich hüte mich, für alle hier versammelten Gedanken geradezustehen“, heißt es. „Das meiste habe ich hier untergebracht, weil ich nicht genügend Zeit hatte, darüber nachzudenken; ich werde es tun, wenn ich davon Gebrauch machen möchte.“ Vielleicht muss man aber auch das unter Vorbehalt lesen. Denn er zitiert damit Montesquieu, einen seiner Gewährsmänner aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die ihm geheurer sind als jeder Autor des 20. Jahrhunderts. Denn Ritter vermutet, dass alles Entscheidende bereits gesagt und Originalität nur ein anderer Ausdruck für Vermessenheit ist: „Ich bin jemand, der zögert und beiseitetritt.“

In dieser Bescheidenheit liegt etwas Grundsympathisches, und Ritters Anspruch, die Idee kultureller Regeneration prinzipiell über die Idee der Revolution zu stellen, zeugt von einem Konservatismus, dessen Leiden an mangelndem Traditionsbewusstsein schon mit der Traditionsignoranz des bürgerlichen Nützlichkeitsideals beginnt. Die Überzeugung, dass jedes abschließende System seinem Denken Gewalt antun würde, ist allerdings wiederum ausgesprochen modern. Mehr noch: Die Einsicht, nur über ein kontingentes, also jederzeit anders konfigurierbares, von den Wechselfällen eines endlichen Lebens gesteuertes Wissen zu verfügen, teilt er nicht nur mit seinem Hausheiligen, dem Münsteraner Philosophen Hans Blumenberg, mit dem er bis zu dessen Tod 1996 einen regen Austausch pflegte. Es rückt ihn, skeptisch, wie er sich allenfalls geben möchte, in die Nähe einer Postmoderne und ihrer konstruktivistischen Theoreme, die er nur verabscheuen kann.

Grundsympathisch ist auch der Ludwig-Börne-Preisträger Ritter selbst. Als Kunsthistoriker und Philosoph ist er von bewundernswerter bis furchterregender Gelehrsamkeit, als Autor ein pointiert formulierender, jargonfreier Stilist, der auch Halbgöttern wie Walter Benjamin schlampig gedachte Verblasenheiten vorhält – und nur noch die Mimikry viertelgöttlicher Exegeten schrecklicher findet. Als Sachbuchlektor und Herausgeber von Rousseau und Montesquieu verfügt er über eine unbestechliche Sorgfalt, und als Gründungsredakteur der Geisteswissenschaften-Seiten in der „FAZ“ hat er Maßstäbe gesetzt. Das Problem liegt woanders.

Henning Ritter, 1943 als Sohn des Philosophen Joachim Ritter in Schlesien geboren, schreibt in der Gewissheit einer Bildung, die nicht einmal ahnt, wovon sie heute herausgefordert wird. Der Autor dieser „Notizhefte“ führt ein Leben auf dem geistigen Höhenkamm, wo nur noch Meisterdenker durch den eisigen Wind stapfen, die sich an der eigenen Brillanz zu wärmen versuchen.

Unter der Kunst eines Montaigne, Chamfort, Nietzsche oder Carl Schmitt macht es Ritter nicht. Kein Blick, nicht einmal ein vernichtender, fällt hinunter in die Niederungen populärerer Regionen. Weder Film noch Fernsehen sind hier erfunden. Der Gegner, wo er sich ausmachen lässt, erhebt sich in der Gestalt einer alles Erhabene in den kulturwissenschaftlichen Staub tretenden Kunstferne.

Ritters unzeitgemäße Betrachtungen entwickeln gar kein rechtes Verhältnis zu ihrer Zeit – und das nicht, weil die Gedankensplitter, Aphorismen und Essayfragmente kein Datum tragen. Allenfalls sporadisch aufblitzende Signalnamen wie Peter Handke oder Michel Foucault verraten, dass ihr Autor aus der Perspektive des 20. Jahrhunderts schreibt.

Überdies befasst sich so gut wie keine Eintragung mit äußeren Ereignissen, und von sich selbst sieht Ritter ohnehin weitgehend ab. Wenn einmal 9/11 durch die Seiten schimmert, kommentiert er theologische Finessen bei dem ägyptischen Al-Qaida-Vordenker Sayyid Qutb. Wenn er über sein Alter nachdenkt, liest er einen Text aus Franz Overbecks „Kirchenlexikon“ mit „impulsiver Zustimmung“. Mehr politisches und persönliches Temperament scheint ihm nicht gegeben.

Der Erregungsgrad dieser thematisch gebündelten Notizen, die doch weder Überschriften noch ein Register erschließen, bleibt gering. Hier wird nicht gesudelt wie bei Lichtenberg oder quälende Introspektion wie bei Susan Sontag betrieben. Jeder Satz ist auf klassizistisches Gleichmaß heruntergeschliffen, überall waltet derselbe hochseriöse Ton, und nur gelegentlich gibt sich in diesem Materiallager des reinen Geistes ein Ich zu erkennen, das auch Wut, Ekel oder Verblüffung kennt. In den intellektuellen Weiten dieser Notizen wogen die Gedanken formvollendet auf und ab, doch je länger man Ritter begleitet, um so mehr sieht eine glitzernde Welle wie die nächste aus. Und nirgends verdunkelt sich der Himmel, und ein Sturm zieht auf.

Wie liest man so ein Buch? Von vorne bis hinten? Aleatorisch in kleinen Dosen? Niemand wagt sich in solche Textgebiete hinein, um mit einem Sack Thesen wieder herauszumarschieren. Man sucht die Farben und den Lufthauch eines inspirirenden Denkklimas, und es ist es keine Frage, dass dieses Buch Funkelndes im Übermaß enthält. Zugleich enthält es wenig Schillerndes. Verglichen mit den Zumutungen von Botho Strauß, über dessen hochtönende Arroganz und hingeschmissene Brocken man sich schwarz ärgern kann, heischen Ritters Eintragungen nach Zustimmung.

Vielleicht verbirgt aber gerade das Polierte den Schmerz über den verlorenen Posten, auf dem sich dieses Denken befindet. Die „Notizhefte“ wären dann in all ihrer Zersplitterung sein Monument.

Henning Ritter: Notizhefte. Berlin Verlag, Berlin 2010. 428 Seiten, 32 €.

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