Henri Chopin : Kommunizierende Speiseröhren

Pionier der Lautpoesie: Zum Tod des französischen Dichters Henri Chopin, der am 3. Januar im Alter von 85 Jahren verstarb.

Gregor Dotzauer
Chopin
Ekstatischer Charme. Henri Chopin bei der "Weltklang"-Nacht 2003. -Foto: gezett.de

Er war Mitte der fünfziger Jahre angetreten, die geschriebene Dichtung zu überwinden und kämpfte mit seinem ganzen ekstatischen Charme bis zuletzt für den Sieg der poésie sonore. Verzückt saß er dann mit seinem Tonbandgerät auf der Bühne, und ging, beide Arme in die Höhe schmeißend, mit den Geräuschsymphonien mit, die er selbst entfesselt hatte. Wer Henri Chopin im Sommer 2003 in der Berliner „Weltklang“-Nacht und beim Poesiefestival der Literaturwerkstatt noch einmal als Dirigent und Konzertmeister seines elektrisch verstärkten Körperorchesters erlebte, muss sich gedacht haben: Wie war dieser Kerl erst als junger Mann.

Henri Chopin,1922 in Paris geboren, hing einem Schöpfungsmythos an, dessen erste Wahrheit lautet: Im Anfang war der Klang. Diesen Anfang suchte er wieder zu ergreifen. Chopin sah ein audiovisuelles Zeitalter anbrechen, das die jüdisch-christliche Epoche beendet. Die theoretische Rechtfertigung bezog er unter anderem aus Friedrich Nietzsches „Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik“. Im Dichter erblickte Chopin den Bewahrer einer jahrtausendealten mündlichen Überlieferung, gegen die die wenigen Jahrhunderte der Schriftkultur nicht viel wiegen.

Das Mikrofon war für ihn dabei das beste Hilfsmittel: ein Mikroskop, wie er sagte, mit dem er den Geheimnissen des Körpers auf die Spur kommen wollte, in der Überzeugung, „dass die vokalen Stimmlagen nicht mehr allein eine Angelegenheit des Mundes sind, dass es da eine Speiseröhre gibt, die gesamte Atmung dieses Stimmengewirrs, das der Körper ist, ein unaufhörliches, ununterbrochenes Stimmengewirr, und dass man mit Hilfe von Mikrosonden das Innere des Körpers abhören könnte – eine wahre Fabrik, die stets in Betrieb ist“.

So ähnlich klang es auch, wenn man nur an Chopins berühmteste Stücke denkt, die sich – zusammen mit einigen Videoclips – alle auf der Website www.ubu.com nachhören lassen: die „Saintes-Phonies“, die „Frises majeures des lèvres“, die „Echos de bouche“ oder das achtsätzige „Le Corpsbis“.

Was die Gegner einer solchen Lautpoesie abschreckte, formulierte niemand besser als Gottfried Benn in seinem berühmten Vortrag über „Probleme der Lyrik“ vom 21. August 1951, in dem er nebenbei Maurice Lemaîtres Lettrismus, eine Vorform der poésie sonore, mit den Worten angriff: „Im Augenblick wird man jedoch sagen müssen, dass das abendländische Gedicht immer noch von einem Formgedanken zusammengehalten wird und sich durch Worte gestaltet, nicht durch Rülpsen und Husten.“

Bei aller Bewunderung für Dichter wie Charles Baudelaire, die auch Chopin hegte, ging derlei an seiner ganzen Person völlig vorbei. Er war ein Nomade zwischen den Künsten, mal eher bei der visuellen Poesie seiner Schreibmaschinengedichte anzutreffen, mal eher bei den Performancequalitäten der poésie sonore, die er mit François Dufrêne, Bernard Heidsieck und Brion Gysin begründete. Ein Verrückter war er sowieso.

Chopin war Missionar und Archivar einer Lautpoesie, die ohne ihn nie die Verbreitung gefunden hätte, die sie hat. Und dass er im Zeitalter der digitalen Hochrüstung niemals von den Möglichkeiten von Stimme und Tonband abrückte, machte ihn zu einem großen Primitiven.

Schon als Zwölfjähriger hatte er seine Stimme entdeckt und wollte zunächst Sänger werden. Aber erst in der russischen Kriegsgefangenschaft entwickelte er sich zum poète oral – auch um die Sprachbarriere zu überwinden: Er sprach damals kein Wort Russisch. 1943, während der deutschen Besetzung von Paris, war er in ein französisches Arbeitslager deportiert worden.

Weil er die Arbeit verweigerte, kam er in ein tschechisches Lager, von dort wiederum in ein Lager bei Königsberg, wo er wiederum die Arbeit verweigerte, was ihn in Königsberg schließlich in ein Gefängnis brachte, das die Sowjets im Juli 1944 bombardierten. Durch ein Leichenmeer lief er zu den Russen über, bei denen er sich, nachdem er mit der Maschinenpistole ein Schwein erschießen musste, als Koch verdingte und als Krankenpfleger. Im Anschluss an seine Rückkehr nach Paris 1950 führte er ein Leben zwischen England und Paris, wo er sich mit William Burroughs anfreundete und auch mit dessen späteren Ideen einer „Electronic Revolution“ liebäugelte.

Seine frühen Klang-Arbeiten verstand Chopin in dem Sinn politisch, als sie auf einen Missbrauch von Sprache antworteten, der sich für ihn schon 1936 in der donnernden Rhetorik der Front Populaire zeigte. Noch während des letzten Irakkrieges führte er mit einer großen Text-Kunst-Collage eine ebenso offene wie spielerische Polemik gegen die britisch-amerikanische Allianz.

Vielleicht bestand er auch wegen dieses Festhaltens an einem irgendwie gearteten Sprachsinn darauf, dass seine Arbeit dem Reich der Poesie zugehörte und nicht dem der Musik. Das Problem seiner Kunst war eher, dass in seinen Audiopoemen eine Spannung fortexistierte, die er durch die Abkehr von der Schriftlichkeit aufgelöst zu haben glaubte. Doch das Ereignishafte und das Konservierte, das aus dem Moment heraus Geschaffene und das für immer auf Band Festgehaltene standen einander nach wie vor gegenüber. Am 3. Januar ist Henri Chopin, wie erst jetzt bekannt wurde, mit 85 Jahren in Paris gestorben.

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