Kultur : Her mit der Arbeit!

Auch hier ist Hartz IV: „Jakob von Gunten“ am Deutschen Theater Berlin

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An diesem jungen Mann hätte Kurt Beck seine helle Freude. Garantiert frisch geduscht, penibel frisiert und vollständig nasenringfrei bedrängt Herr von Gunten das Publikum: „Sie haben Beziehungen, Sie verkehren mit den allerfeinsten Herrschaften, Menschen ohne Geist, aber von Stand. Geben Sie mir Arbeit!“

Dass in der Kammer-Box des Deutschen Theaters trotz der Formvollendung des Aspiranten Schweigen herrscht, ist nicht nur dem weit verbreiteten Unbehagen am Mitmachtheater geschuldet. Es liegt auch nicht daran, dass der junge Mann außer Unterwürfigkeit nichts gelernt hat: Ein geistesabwesender Funktionsträger hat ja nicht die schlechtesten Aussichten am Arbeitsmarkt. Das Problem besteht vielmehr darin, dass der Schauspieler Matthias Bundschuh alias von Gunten seine penetrante Selbstvermarktungskampagne mit einem mimischen Repertoire kombiniert, das ausschließlich zwischen rättischer Verschlagenheit und irrer Debilität wechselt. So einem, verrät jedes Bundschuh’sche Zähneblecken, vertraut man noch nicht mal seinen Proviantbeutel an!

Robert Walsers 1909 erschienener Roman „Jakob von Gunten“, aus dem der Schauspieler ein siebzigminütiges, von Gregor Runge szenisch eingerichtetes Solo destilliert hat, ist ein im besten Sinne irritierender und dabei herrlich komischer Versuch über die Dialektik von Emanzipation und Unterwerfung. Der aus sogenannten guten Verhältnissen stammende Protagonist meldet sich in Benjamentas Knabenschule an; einer Anstalt, die ihrer Klientel gegen sattes Ausbildungsgeld jedwede Hirntätigkeit abtrainiert. Tenor: „Wir Zöglinge denken nicht, wir erhoffen auch nichts (...) und doch sind wir vollkommen ruhig und heiter. Wir gehorchen, ohne zu überlegen, was aus all dem gedankenlosen Gehorsam noch eines Tages wird.“

Gespickt ist diese denkwürdige Dienerschulung mit zahlreichen Anekdoten aus dem surrealen Knabenschulenleben: Der obskure Herr Vorsteher schleimt sich mit peinlichen Geständnissen an seine Lieblingszöglinge heran. Und die wiederum, gibt Jakob von Gunten neben seinem disziplinierenden Sportgerät, einem Bock (Bühne: Giulia Paolucci), zum Besten, überfallen einander aus dem Hinterhalt mit Griffen nach dem „intimen Glied“.

„Ihnen fehlen hier wohl die Späße, was?“, herrscht der Darsteller die Zuschauer bei einer weiteren Publikumsintegrationsattacke an. Mitnichten. Im Gegenteil: Man kann sich prächtig darüber amüsieren, wie das Prekariat in Turnhosen vorm Bock die Beine schlenkert, vor Lautsprechern, aus denen gelegentlich die Vorsteher-Stimmen tönen, stramm steht und des Nachts stellvertretend für die Streber-Kameraden Wolldecken verprügelt. Schließlich ist Walsers Text großartig und Matthias Bundschuh, der mit Saisonbeginn von den Münchner Kammerspielen zum Deutschen Theater nach Berlin wechselte, ein guter Schauspieler.

Nur ist das Interesse an diesem Abend leider rasch aufgebraucht, weil er Walsers Figur – abgesehen von den überflüssigen, zwangsaktualisierenden Bewerbungsmaßnahmen in Richtung Publikum – abendfüllend auf einen verschlagenen Schwachkopf reduziert. Unterwürfigkeit, Individualität, Lust- und möglicherweise gar ein gewisser Freiheitsgewinn, der sich aus vollendeter Knechtschaft ziehen lässt: All das ist beileibe nicht nur ein Problem von Zeitgenossen, die ihr Dasein schön weit weg vom Theaterbildungsbürgertum fristen.

„Box und Bar“ des Deutschen Theaters. Wieder am 25. 12., 20.30 Uhr

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