Kultur : Herbert List: Erotischer Marmor

Burcu Dogramci

Seine Kamera erweckte Statuen zum Leben und bannte muskulöse Männerkörper zu Stein. Der Fotograf Herbert List war ein moderner König Pygmalion, der sich der Sage nach in eine Statue verliebte und ihr von der Göttin Aphrodite Leben einhauchen ließ. Auf der Suche nach klassizistischer Schönheit reiste List nach Griechenland. In den antiken Kulissen, den zerfallenen Tempeln, athletischen Marmorkörpern und dem mediterranen Licht fand er sein Paradies. Kaum lässt sich vor diesen Fotografien erahnen, dass List aus dem trübgrauen Hamburg stammte. Hier wurde der Kamerakünstler als Sohn einer alteingesessenen Kaufmannsfamilie 1903 geboren, endlich widmet ihm seine Heimatstadt eine große Werkschau.

Von Schönheitskult, Metaphysischem und der Liebe zur Schwarzweiß-Fotografie sprechen die 220 Aufnahmen, die in der Ausstellung "Herbert List - Die Retrospektive" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe versammelt sind. Die Inszenierung ist zwar unspektakulär, ja schlicht, doch bleiben jene Vintage Prints, die List kurz nach der Entstehung einer Aufnahme eigenhändig abzog, höchst eindrucksvoll. In fünf Kapitel gliedert sich die im Anschluss nach Amerika und Kanada weiterwandernde Präsentation. Im Unterschied zu den vorangegangenen Stationen in München und Berlin wurde sie um Arbeiten aus Lists künstlerischen Anfangszeit bereichert. Damals, in den zwanziger Jahren, wollte der Kaufmannssohn noch in das väterliche Kaffeeunternehmen eintreten. Doch seine Kontakte zur Hamburger Künstlerszene, die Begegnung mit dem Bauhäusler Andreas Feininger gaben seinem Leben eine Wendung.

Obwohl List 1925 noch recht amateurhaft zu fotografieren begann, arrangierte er schon kurze Zeit später an der Ostsee seine ersten "Fotografia Metafisica". Was der Fotograf Man Ray oder der Maler Salvador Dali in Paris bereits mit Erfolg zelebrierten - das Magische hinter der Realität zu erforschen -, erprobte List auf seine Art am norddeutschen Strand. Einfache Gegenstände, Puppen und Masken komponierte zu bizarren Stillleben. Der Mensch interessierte List nur, wenn er in ihm ein Geheimnis entdecken konnte. So erscheint ein maskierter Junge in seiner Fotografie "Strandläufer" in geisterhafter Doppelprojektion.

1936 musste List Deutschland verlassen. Er hatte eine staatsfeindliche Äußerung gemacht, war außerdem als Homosexueller in Gefahr. Statt in Paris Modefotograf zu werden, fand er seine künstlerische Erfüllung auf den griechischen Inseln. Hier entstehen die Bilder, die List später in seinem legendären Band "Licht über Hellas" publizieren wird. Aufnahmen wie das bekannte "Goldfischglas" sind längst zu Ikonen unserer Sehkultur geworden. Vor der Meereskulisse Santorins erhält dieser einfache Gegenstand magischen Glanz. List sah im Goldfischglas eine Allegorie auf den eingesperrten, isolierten Menschen. In Griechenland waren es die zerfallenen Tempelruinen und immer wieder die klassische Schönheit nackter Männerkörper, die ihn faszinierten: Seien es die antiken Statuen oder seine Freunde.

List zählt nicht nur zu den Anhängern einer neohellenistischen Fotografie, er brachte auch seine Homosexualität in seine Aufnahmen hinein. Allerdings war er damit seiner Zeit voraus. Seinen geplanten Bildband über junge Männer konnte er in den sexuell verklemmten Fünfzigern nicht veröffentlichen. Jahrelang verwahrte er die Aufnahmen in einem von ihm bezeichneten "Giftkoffer" unter dem Schrank auf. Erst posthum wurde das Werk unter dem Titel "Söhne des Lichts" herausgebracht. Die Homoerotik in den Fotografien Lists hat Fotografen wie Herb Ritts und Robert Mapplethorpe geprägt. Bruce Weber inspirierte sie schließlich zu einer Unterwäsche-Kampagne - im südlichen Licht Santorins.

Der schwelgerische Ästhet Herbert List wurde nach Kriegsende höchst unsanft aus seinen Träumen wachgerüttelt. In München fand er eine zerstörte Stadt vor, deren Ruinen er durchstreifte und fotografierte. Einen Gegenpol zu diesen Architekturaufnahmen bilden die Prominentenporträts, die List seit den späten Vierzigern anfertigte: Er fotografiert Stars wie Marlene Dietrich und Anna Magnani, besucht Pablo Picasso im Atelier und den Schriftsteller Paul Bowles in Tanger. Statt in neutraler Ateliersituation fotografierte List seine Modelle Zuhause, um deren Persönlichkeit zu erspüren.

Nicht selten durchbrach der Fotograf sorgfältig aufgebaute Schutzschilder. Der vitale, scheinbar ewig Junggebliebene Maler Picasso wirkt nachdenklich und müde. Die sonst so kühle Dietrich dagegen lächelt gelöst in die Kamera. Erst Bildnisse dieser Art machten Herbert List zum weltberühmten Künstler. Ende der sechziger Jahre verließ ihn plötzlich die Lust an der Fotografie. Er verlegte sich bis zu seinem Tod 1975 auf das Sammeln italienischer Handzeichnungen, kehrte der Realität den Rücken und floh wieder in die Kunstwelt seiner Träume.

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