Kultur : Herbstlich-welk

CHRISTOPH FUNKE

Gleichgültigkeit lastet wie ein schweres Gewicht auf Menschen, die alle Versuche zum Leben erfolglos abgebrochen haben.Im gut eingerichteten Haus eines Villen-Vororts irgendwo in den Vereinigten Staaten läßt Edward Albee in seinem Schauspiel "A Delicate Balance" ("Empfindliches Gleichgewicht", Uraufführung 1966 in New York) Frauen und Männer aufeinandertreffen, für die es Herbst geworden ist, die keine Hoffnung mehr haben.Notdürftig geschützt durch eine Art schwarzen Humor, haben sie sich mit der penibel hergestellten Ordnung ihres Daseins abgefunden.Wenn diese Vereinbarung zum "Koexistieren" ins Wanken gerät, wenn die welken Blätter für einen Moment hochgepustet werden, spielt jeder seine Rolle durch, ohne Abweichung von der Regel.Am Ende werden "alle vergessen", was geschehen ist, nichts hat sich geändert, die Gleichgültigkeit lastet weiter, und die Botschaft, "wir können den Tag beginnen", klingt wie Hohn.

In den Kammerspielen des Deutschen Theaters greift Regisseur Friedo Solter entschlossen in die melodisch fließende rhetorische Debatte dieser in ihrem Milieu hoffnungslos Gefangenen ein.Das an- und abschwellende, überaus geläufige Reden, stockt, wird aufgehalten und beginnt von neuem.Solter setzt auf Pausen, auf grüblerisches Nachdenken, auf weite Entfernungen, die plaudernd nur schwer zu überbrücken sind.Er macht Albees Figuren zu monolithischen Blöcken, die sich nur noch selber verstehen, den Weg zu anderen nicht finden, ja gar nicht mehr suchen.Was auch geschieht im gut eingerichteten Wohnzimmer der "stattlichen Frau" Agnes, Ende Fünfzig, und ihres Mannes Tobias, "einige Jahre älter", es kann das hoffnungslose Verwelktsein nicht ändern.Tochter Julia kommt nach der vierten gescheiterten Ehe ins Nest zurück.Ein befreundetes Ehepaar zieht plötzlich ungefragt ein, vorgeblich von Angst überwältigt.Und Claire, die jüngere Schwester der Hausfrau, benutzt Alkohol als Treibmittel boshafter Kritik an der Bürgerlichkeit, deren Segnungen sie in buchstäblich vollen Zügen genießt.Wenn das fremd-vertraute Ehepaar nach der zweiten Nacht doch wieder geht, Julia ihre Hysterie überwunden hat und Claire schon am Morgen zu trinken beginnt, ist die Familienhölle endgültig abgeriegelt, endgültig im Gleichgewicht, endgültig privat.Zutritt verboten.

Ironie bildet den Grundton der Aufführung.Nicht durchweg gelingt es, diese herbstlich-welke Stimmung, die durchaus auch Spuren von "Lustigkeit" hat, spannungsvoll herzustellen.In Momenten eines allzu betulichen Nichtgeschehens wird die Schwäche des Stücks deutlich.Dafür entschädigen die Schauspieler.Christine Schorn als Agnes kostet die schwierige Balance zwischen lässig behaupteter Freundlichkeit und hinterhältiger Bosheit meisterlich aus.Ihre grauhaarige Hausfrau mit dem leicht in den Körper gezogenen Kopf, der untadeligen Haltung und dem aggressiven Blick "besitzt" die Körper und die Seelen der ihr Ausgelieferten, ist allgegenwärtig und kontrolliert jeden Winkel des weitläufigen Zimmers.Folgerichtig zeigt Dietrich Körner den Ehemann Tobias als einen Kerl, den Müdigkeit und Ekel schon fast gefällt haben.Gewichtig im Sessel hockend, in Lektüre vertieft, mit der Brille spielend, lebt der reiche Pensionär nur dann ein wenig auf, wenn er, schwerfällig durch den Raum stapfend, Höflichkeitspflichten erledigen darf - das Füllen von Gläsern vor allem.Körner stellt einen Schweren, Eisgrauen auf die Bühne, der mitunter wie ein Felsblock wirkt, das Kinn vorschiebt, den Überdruß im Gesicht parkt und doch nett sein will.Er kann sich wohl bis zur Wildheit steigern, zu einem schmerzerfüllten Klagen und Schreien, aber das bringt nur innere Leere nach außen.Jutta Wachowiaks Alkoholikern Claire ist eine noch immer junge Frau in männlicher Kleidung und mit männlichem Touche, selbstbewußt, quirlig, lustvoll provozierend, und zugleich bitter, anmaßend, ausgebrannt.Daß hinter dem bemüht Leichten, Forschen, Überlegenen eine große Trauer steckt, ein Wissen um die Vergeblichkeit des tollen Protestes, macht Jutta Wachowiak beklemmend deutlich.

Die Darsteller des in die Ehe-Idylle einbrechenden Ehepaares, Cornelia Heyse und Michael Gerber, setzen auf das Trockene, Langsame, auch aufgedreht Muntere, Begrifsstutzige der Eindringlinge.Das ist solide, geradlinig, aber auch nüchtern.Cornelia Schirmer zeigt die Tochter Julia als wirblig junges Ding in strahlendem Blond, mit bei hysterischen Ausfällen eingeknicktem, gliederschlenkerndem Körper.Eine kindische, fade, unglaubwürdige Erregung wird vorgeführt.Denn: Nichts darf sich ändern unter den Wohlbetuchten (betont gediegen die Kostüme von Hannelore Wedemeyer), nichts ändert sich, alles ist längst gerichtet.Hans-Jürgen Nikulka baute die erhöhte, schräg ansteigende Bühne weit nach vorn, über die ganze Breite des Proszeniums, mit strahlend hellen, schiefwinklig ineinandergestellten Wänden und der gediegenen, breiten Treppe.Ein riesiger, nach hinten unbegrenzter Raum tut sich auf zwischen dem Bücheregal und der mächtigen metallenen Bar.Strahlender Sommer herrscht, weiße Wolken im blauen Himmel sind zu sehen - das Gefängmis der Seelen präsentiert sich komfortabel, und gerade deshalb ohne jede Möglichkeit zur Flucht.Herzlicher Beifall, Bravo-Rufe für Christine Schorn.

Wieder am 24.November, am 7., 23.und 26.Dezember, jeweils 19.30 Uhr.

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