Kultur : Herbstorangen

Berliner Ausstellungsreigen: „Der Kult des Künstlers“

Christina Tilmann

Man vermeint den hohen Ton der Eröffnungsreden schon zu hören: die berühmten Wortgirlanden, die sich höher und höher schwingen bis in genialisch-kultige Wolken-Regionen. Es ist Peter-Klaus Schusters Abschiedskonzert. Mit dem Ausstellungsfeuerwerk „Der Kult des Künstlers“, das mit zehn Ausstellungen die drei Berliner Häuser Alte Nationalgalerie, Neue Nationalgalerie und Hamburger Bahnhof bespielt und einen fulminanten Kunstherbst verspricht, nimmt der Berliner Museums-Übervater mit 65 Jahren seinen Abschied als Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin sowie als Direktor der Nationalgalerie.

Nicht umsonst beginnt der Reigen in der Alten Nationalgalerie, jenem Tempel der Kunst, den Friedrich August Stüler 1866-76 „der deutschen Kunst“ errichtete und der schon bald zum Schauplatz für den erbitterten Streit um den Rang der Moderne wurde. Einen Rundgang durch die deutsche Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts unternimmt auch Schusters Ausstellungsmarathon, mit klarer Präferenz für die symbolischen, mythischen, verrätselten Künstler – und für die, die schon zu lang auf solche Ehren warten mussten. Denn einem nationalen, ziemlich vergessenen Künstler ist gleich die erste Ausstellung gewidmet: Hans von Marées ist in Berlin mit den Ölstudien zur Zoologischen Station in Neapel vertreten – der einzige Großauftrag seines Lebens und eine der bedeutendsten deutschen Kunstleistungen des 19. Jahrhunderts. Sein schmales, sprödes Werk zu sehen – das ist schon ein würdiges Abschiedsgeschenk.

Doch mehr als das: Diesen Symbolkünstler an den Anfang einer Ausstellungsreihe zu setzten, die sich mit dem Künstlerbild der Neuzeit beschäftigt und mit Kultkünstlern wie Beuys und Koons endet – das ist nicht weniger symbolisch, und noch einmal ganz die alte Schule. Wie Marées’ Orangenpflücker geht auch Schuster heran und pflückt sich die schönsten, reifsten Früchte: eine Überblick über deutsche Künstlermythen des 19. Jahrhunderts sowie eine Ehrung der Romantiker-Freunde Clemens Brentano und Karl Friedrich Schinkel in der Alten Nationalglaerie, eine (überfällige) Beuys-Hommage mit passender Begleitmusik aus den Sammlungen Flick und Marx im Hamburger Bahnhof, eine Ehrung für Paul Klee sowie den Pop-Künstler Jeff Koons in der Neuen Nationalgalerie, Giacometti bei den Ägyptern im Alten Museum und den ganz großen Rundumschlag zum Thema Künstlerbild am Kulturforum.

Das mag erratisch wirken und gibt gleichzeitig ein recht zutreffendes Bilanzbild der Ära Schuster in den Berliner Museen: Starkes 19. Jahrhundert im glänzend restaurierten Haus auf der Museumsinsel, eine durch Erwerb der Sammlungen Berggruen und Scharf/Gerstenberg endlich befriedigend gestopfte Lücke im frühen 20. Jahrhundert, schwere Versäumnisse in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Beuys!) und eine immer größere Dominanz von Privatsammlungen, die sich mal besser, mal schlechter zum großen Ganzen eines Gegenwartsmuseums fügen. Für die große Ausstellung zur Kunst der Gegenwart wird man auf Schusters Nachfolger warten müssen. Christina Tilmann

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