Hermann Burger und die Seinen : Im Kopf alles, auf Papier nichts

Erinnerung, sprich: Wie schön es es war, Hermann Burger zu lesen - und was der literarische Herbst bringen wird

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Früh verstorben. Hermann Burger.
Früh verstorben. Hermann Burger.Foto: Nagel & Kimche promo

Ach, was waren das für schöne, unbeschwerte Zeiten! Als man mit Freunden in der Kreuzberger Düsterbar Madonna herumstand und, befeuert von dem einen oder anderen Beck’s Bier, sich ausgerechnet über den Schweizer Schriftsteller Hermann Burger unterhielt! Burger war da schon ein paar Jahre tot und schon ein bisschen vergessen, aber wir hatten nach seinem Vermächtnis „Brenner“ auch den Burger-Roman „Die Künstliche Mutter“ gelesen und das Kranke und Kaputte und Sprachversessene und Wortmächtige und auch Undurchdringliche, eher für Schweizer Leser Bestimmte darin über die Maßen attraktiv gefunden. „Im Kopf stimmte so gut wie alles, auf dem Papier so gut wie nichts“, schrieb Burger bezüglich der Schwierigkeiten, die er mit der Fertigstellung von „Die Künstliche Mutter“ hatte. In Burgers Leben aber war es wohl genau umgekehrt, da stimmte eine Menge auf dem Papier und nach und nach immer weniger im Kopf, litt Burger doch unter einer schweren bipolaren Störung.

Im Nachhinein ist es verwunderlich, was man damals alles so las und für wichtig empfand, wie kreuz und quer das ging: Hermann Burger und Hermann Lenz, Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ oder Romane des elsässischen Schriftstellers  René Schickele, um nur ein paar zu nennen. Immer wieder ein Quell der Freude und willkommener Lektüreanstoß war auch ein Flaubert-Porträt, das in dem WG-Zimmer eines Freundes auf dem Schreibtisch stand (heute ist der Flaubert-Fan übrigens von Beruf Richter). Das Schöne an diesem wilden Lesen war, dass die Zeit keine Rolle spielte, man hatte halt genug! Auch die zeitgenössische Literatur hatte nur untergeordnete Wichtigkeit, es gab halt sonst so viel zu entdecken! Ja, und was einem so gar nicht ins Bewusstsein geriet, gerade weil die Literatur als solche emphathisch aufgeladen war (von genauso wichtig wie das neue Dinosaur-jr.- oder Sonic-Youth-Album bis hin zum Bekenntnis, nur ihr das (Berufs-)Leben zu widmen!): Dass gerade auch Bücher Waren sind, sprichwörtlich Saisonwaren, sie verkauft werden wollen, viele allzu schnell in Vergessenheit geraten (klar, meine Ausgabe von „Die Künstliche Mutter“ habe ich damals antiquarisch erworben, der Mängelexemplar-Stempel ist unübersehbar).

Die Erinnerung spricht da gerade so intensiv, weil man nun schon lange nicht mehr in Szenekneipen Hermann-Burger-Gespräche führt, sondern mitten im Frühjahr in einem Literaturredaktionsbüro sitzt und die Herbstprogramme studiert. Die Frühjahrstitel sind wieder passé, obwohl viele noch der Lektüre und Bearbeitung harren und statt der Bücher von Stanisic, Leo oder Petrowskaja beanspruchen schon wieder viele, viele neue, erst im August oder September erscheinende Titel die Aufmerksamkeit des Literaturbetriebs. Der erste Roman von Judith Hermann zum Beispiel. Genau, es ist nach mehreren Erzählbänden tatsächlich ihr erster, „Aller Liebe Anfang“. Oder der Roman einer in Zimbabwe geborenen und in den USA lebenden Autorin names NoViolet Bulawayo, „Wir brauchen neue Namen“, laut „New York Times“ „ein atemberaubender Roman“ und „eine außergewöhnliche Autorin“. Oder der neue von Dave Eggers, der von Thomas Pynchon, von Sofi Oksanen undundund. Nicht zu vergessen, bloß nicht: der Debütroman des einstigen Blumfeld-Masterminds Jochen Distelmeyer, „Otis“ genannt. „Otis“ ist gar der Spitzentitel des Rowohlt-Verlages, gleich sechs Seiten hat der Verlag Distelmeyer in seiner Vorschau freigeräumt und auch schon eine Hörprobe mitgegeben. Leicht zu übersehen ist dabei, dass dieser Roman erst Ende Januar 2015 erscheint – weil Distelmeyer wohl noch schreibt. Und weil er diesen Herbst noch andere Dinge zu tun hat und auf Blumfeld-Reunion-Tour geht. Bei diesem langen Vorlauf besteht natürlich die Gefahr, dass der Novelty-Charakter von „Otis“ verloren geht und im anstehenden Frühjahrsauflauf der Verlage nur noch eins von vielen interessanten und vor allem brandneuen Büchern ist.

Egal. Nur gut, dass es aus Anlass des 25. Todestages von Hermann Burger in diesem Frühjahr eine neue Gesamtausgabe seiner Werke gegeben hat. So schnell wird ein großer Schriftsteller dann doch nicht einfach so vergessen.

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