Kultur : Herr der Fragmente

NORBERT SERVOS

Daß er nicht aufhöre, Tänzer zu sein, nur weil er alt sei - das hat Merce Cunningham schon vor Jahren erklärt.Und stand weiterhin auf der Bühne.Auch wenn dies mitunter nur bedeutete, daß er am Platz verharrte, seine Hände wie aufgeregt flatternde Vögel auf- und abschweben ließ.So bildet er stets einen Gegenpol zur jugendlichen Spannkraft seiner exzellenten Tänzer - in der sichtbaren Distanz des Alters und doch von humorvoller Präsenz.

Beharrungsvermögen freilich war auch vonnöten, um einen Bewegungskosmos zu errichten, der sich gründlich von dem der Pioniere des modernen Tanzes unterschied.Sechs Jahre, von 1939 bis 1945, war Cunningham Mitglied von Martha Grahams Kompagnie.Doch was er von dort mitnahm, war eher eine Abneigung gegen starke Gefühle und expressive Bewegungsdramatik.Stattdessen erfand er ein mathematisch-naturwissenschaftlich inspiriertes Gegenmodell zur archetypischen Mythenwelt - und wurde damit in den fünfziger und sechziger Jahren zum Vorreiter einer neuen Avantgarde-Generation.Gemäß seiner Maxime, daß alles Bewegung sei, die Alltagsbewegungen von Menschen, von Tieren genauso wie von der Natur, begann er die choreographischen Prinzipien von Grund auf zu verändern.Sogenannte "chance operations", Zufallsspiele, traten an die Stelle der gewohnten Dramaturgie.Cunningham würfelt die Abfolge von Bewegungssequenzen, die Plazierung, manchmal auch die Besetzung einfach aus.So stellt er den Schöpfungsprozeß nach, in dem die Ingredienzen zwar schon bekannt sind, ihr Zusammenwirken sich aber nach dem Zufallsprinzip ergibt.Ebenso zufällig fügen sich Musik und Bühnenbild in den Gesamtverlauf ein.Oft kennen die Komponisten und Ausstatter das entstehende Stück gar nicht, hören die Tänzer die von John Cage, David Tudor oder Martin Kalve erstellte elektronische Klangfolie erst bei der Premiere.

Demontiert hat Cunningham aber nicht nur das Verständnis von Rollen und den dramaturgischen Aufbau; verändert hat er auch die räumlichen Hierarchien.Statt alles auf einen ordnenden Mittelpunkt hin zu orientieren, gilt ihm jeder Raumpunkt als Zentrum.Der Zuschauer wird mit mehreren simultanen Aktionen konfrontiert.Der Meister der Postmoderne liefert keine dramatischen Höhepunkte, sondern ein universales Modell.Seine Bewegungsexerzitien wirken beinahe sakral-nüchtern.In seiner dramatischen Enthaltsamkeit aber erfindet er eine Fülle tänzerischer Fragmente, die sich aus der freien Kombinierbarkeit aller Bewegungen zusammenfügen.In einem steten Kommen und Gehen bilden sich Konstellationen, Figuration ohne Zentrum, die sich zwanglos wieder lösen.

Gleichwohl haben sich seine Tänze mit den Jahren verändert.Besaßen früher die üppigen Bühnenräume von Pop-Art-Künstlern wie Andy Warhol, Robert Rauschenberg, Frank Stella oder Jasper Johns allein schon starke visuelle Reize, sind Ausstattung und Lichteffekte mit den Jahren sparsamer geworden.Auch fand der Purist, der die Reduktion schon bis zu bloßen Handgesten getrieben hatte, wieder verstärkt zur Bewegung zurück.Seine späten Stücke vollziehen sich wie in Trance.Stets hat man den Eindruck, als erprobten sich die Tänzer in jeder Bewegung neu.Nicht länger sind ihre Körper Träger symbolischer Zeichen, sondern von jedweder Bedeutung freigestellt.In dieser Freiheit entfalten sie einen Reichtum an Bewegungsmöglichkeiten.

Je älter Cunningham wird, desto mehr erscheint er als Exeget einer Bewegungstheologie.In seinen suggestiven Stücken bildet er ein Schöpfungsprinzip nach, das durch nichts zu erschöpfen scheint.Der Humor, der dabei durchblitzt, läßt hoffen, daß die Welt vielleicht doch aus einem kosmischen Gelächter geboren ist, zufällig und planvoll zugleich.

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