Kultur : Herr Thieme kriegt den Blues

Salzburger Fetzenspiele: In Luk Percevals Molière-Marathon hat Thomas Thieme die Schnauze voll

Mirko Weber

Um Molière geht es hier eigentlich nicht. Oder kaum. Aber von vorn.

Draußen, in Hallein und auf der Pernerinsel, wo die Salzburger Festspiele eine Nebenspielstätte unterhalten, ist das Leben auch am Montagmittag, wie das Leben sein kann. Die Sonne scheint, der Wind geht, die Passanten ziehen vorbei, als wollten sie zum Tanzen. Aber dann schneit es, drinnen im Theater. Und als es nach fünf Stunden wieder aufhört, kommt man sich ganz erfroren vor. Durchgekühlt bis ans Herz. Taub. Stumpf. Müde.

300 Minuten zuvor ist ein Mann auf die leere Bühne gekommen. Ein schwerer, massiger Kerl in einer Altherrenstrickjacke, Hemd, Krawatte und Lackschuhen, nur die Socken fehlen: Thomas Thieme. Thieme wäre gerne Architekt geworden, erzählt er manchmal, aber das hat nicht geklappt. Jetzt ist er schon lange Schauspieler (wie man so sagt) und eine Rampensau (wie er selber meint). Vor allem aber ist er Luk Percevals Schauspieler. Der Regisseur hat Thieme hier in Hallein „Schlachten!“ (nach Shakespeare) schlagen lassen. Er war sein Ossip und sein Willy Loman an der Schaubühne und sein Othello an den Münchner Kammerspielen. Thieme ist Percevals Baby, und Perceval wacht so eifrig wie süchtig darüber, dass Thieme nicht erwachsen wird. Da kann er noch so den Berserker mimen.

In Hallein steht er anfangs regungslos vor dem Mikrofon und sammelt sich, derweil im Raum neun andere Gestalten hocken, jede auf oder neben einem Lautsprecher: Hinten steht ein Mann mit Schweinekopfmaske, davor sitzt ein anderer im Smoking, an der Rampe links eine Tänzerin im Tutu. Und Thieme groovt sich ein. Mit dem Mikro pocht er so lange an seinen Schädel, bis er den richtigen Rhythmus gefunden hat: Dadi-dada. Ein uraltes Riff, etwas zum Festhalten. Thieme mag gar nicht mehr davon lassen. Dadi-dada. Herr Thieme hat den Blues. So geht das hin.

Herr Thieme hat aber auch die Schnauze voll, restlos und von allem. Während seine Umgebung sich einbrabbelt, kommt er allmählich ins Schwitzen und Geifern. „In dieser Zeit“, brüllt Thieme, „in dieser Zeit sind Arschkriecher Legion!“ Das schmeckt ihm nicht. Er sieht auch nicht gern, wie der „Schakal die feuchte Schnauze in das Aas steckt“.

Kurzum: Herr Thieme ist ein Misanthrop, die Leute gehen ihm gewaltig auf die Nerven. Auch die Zuschauer. Und die Festspiele. Und das Leben überhaupt. Aber fünf Stunden füllt das eher nicht. Deswegen kommt hier (das heißt: es käme) ein zweite Ebene ins Spiel, denn schließlich heißt der von den Salzburger Festspielen mit der Berliner Schaubühne koproduzierte Uraufführungsabend „Molière. Eine Passion“. Das Autorentrio Feridun Zaimoglu, Günter Senkel und Luk Perceval bezieht sich auf vier Werke Molières, auf „Der Menschenfeind“, „Don Juan“, „Tartuffe“ und „Der Geizige“. In dieser Reihenfolge. Ungefähr. Zu zeigen sei, so Perceval, die „Selbstverbrennung eines sehnsüchtigen Egos“. Und spricht en passant von Molières Gefallssucht und vom „Schmerz des Schließmuskels“ (den inszeniert er – später, ja, den schon).

Im Prinzip aber ist Perceval Molière wurscht, zumindest jener Molière, der den Zynismus elegant in den Komödienton integriert hat. Außer sich selbst traut Perceval keinem so recht über den Weg, und auch wenn er zweieinhalb, drei Stunden später, ein wenig „Tartüff“ vom Blatt spielen lässt, hat er kein wirkliches Interesse an einer Auseinandersetzung mit Molières „Automatenmenschen“, wie sie Egon Friedell einmal genannt hat. Weil Moliéres Figuren in ihrer Scheinkausalität stets exakter funktionieren, als sie es im wirklichen Leben je könnten.

Im Übrigen schneit es in Hallein bis zum Schluss, und Perceval, der ahnt, dass man Molière nicht einfach zum Molli machen kann, probiert ein paar Standards seines Perceval-Theaters: Zwischendurch könnte das Stück auch „Müller“ oder „Michalke“ heißen. Oder „Thiemetheater“. Oder „Perceval. Eine Passion“. Und so gibt Thieme als Menschenfeind ein ganz klein wenig den Alceste, der von Celimène nicht lassen kann. 1666 im Palais Royal musste sich Alceste mit weisem Wortwitz zur Wahrheit durcharbeiten. Im Stück ist sie nur außerhalb der (besseren) Gesellschaft zu haben. In Hallein jedoch reicht es, wenn Thomas Thieme ausführlichst Hand an sich legt. Er ist nicht witzig und nicht weise. Nur laut.

Er ist auch nicht wahrhaftig, oder doch: Er wichst (wenn er nicht vom Ficken redet). „Liebe“, sagt er, „ist die Reue nach der Geilheit.“ Das mit der Liebe hat Perceval zu Beginn als kleinen Rap angelegt, zu dem Thieme immer wieder Zuflucht nimmt, wenn gerade kein anderer singt. Beispielsweise zwei schwule Herren im Feinripp, die sich vom hinteren Teil der Bühne nach vorne bewegen und ziemlich oft behaupten, dass sie „gerne einmal die Gedanken aus dem Kopf gehen lassen“. Man muss ihnen nicht trauen.

Überhaupt gibt es etliche Anleihen bei Theaterpraktiken von Christoph Marthaler, bei dem immer irgendwo ein Lied schlummert. Die Boys sind nicht die einzigen Gesangskünstler. Elvire (Karin Neuhäuser, die man zumindest für die liebende Rächerin halten könnte), arbeitet sich – während im Hintergrund eine wüste Paraphrase auf „Don Juan“ probiert wird – an „Ich bin ein Mädchen aus Piräus“ ab, lässt sich aber auch auf eine Diskussion mit Thieme ein, der sich als „Serientäter“ vorstellt und sich nach dem rudimentär wiedergegebenen Gespräch mit dem Komtur einen Slip um den Kopf wickelt. Wer Molières Stück nicht kennt, kommt um den Bezug. Wer Zaimoglus gereimtes Gebrüll hört, kann es größtenteils nicht verstehen. Was geht’s uns an?

Ein wenig erschöpft von soviel Raserei kehrt Perceval für den „Tartüff“ fast bieder zurück auf stadttheaterliches Terrain: Thomas Bading legt den frömmelnden Orgon kaum auf- und abgedrehter an als in einer konventionellen Aufführung. Und weil sie nun gar nicht mehr zu wissen scheint, wohin sie eigentlich will, bleibt die Aufführung gelähmt stehen und wartet drauf, dass Thomas Thieme, dem man den Bauch mit einer Wolldecke gewickelt hat, wieder das Kommando übernimmt. Zu „Liebe, Liebe“-Chören vom Band und wummernder Orgelmusik schlägt die Sunde des Heuchlers. Und siehe da: Thieme könnte mehr als brüllen. Er fände teils gefährliche Zwischentöne. Wenn man ihn Molière spielen ließe.

Perceval aber fährt fort in seinem Fetzentheater, bis die Dinge endgültig Stückwerk sind: unkenntlich in ihren Zusammenhängen, müdes Material. Wie nicht anders zu erwarten, muss Thomas Thieme stellvertretend für die Figuren, stellvertretend für Molière und für alle Männer, die so sind wie er, den Kältetod sterben, allein gelassen von einer GagaGesellschaft, die sich singend fragt, wer die Kokosnuss geklaut hat? Und jede/r redet noch einmal so, wie ihm oder ihr der Schnabel gewachsen war (also hessisch oder berlinerisch).

Man wähnt sich in einer Therapiegruppe Transsexueller – und wäre nur leicht erstaunt, wenn Professor Perceval persönlich ins Schneetreiben spazierte (kommt er aber nicht). Thiemes letztes Hemd hat keine Taschen, doch besitzt seine Hose einen Klettverschluss: gut gepampert geht er in die ewigen Jagdgründe ein, wo es weiterlaufen wird wie bisher: Der nächste Fick (um es mit Thieme zu sagen), ist immer der schwerste.

Von links wirbelt die große Windmaschine, es beginnt heftig nach Plastik zu riechen. Thiemes letzte Worte sind: „Vater gib mir die Antwort, auf die ich schon so lange warte…“ Sollte Gott Zeit für den ganzen Quatsch haben, könnte er eine Gegenfrage stellen: Wozu das Theater?

Premiere an der Berliner Schaubühne am 31. August

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