Kultur : Herr und Haus

Deutsche Kultur bleibt Suhrkamp Kultur – auch nach Siegfried Unselds Tod

Gregor Dotzauer

Er war, so ruft man ihm jetzt nach, die letzte große Verlegergestalt einer untergehenden Epoche. Doch das war Siegfried Unseld auch schon vor zwei Jahren, als Suhrkamp fünfzigsten Geburtstag feierte. Er war es sogar schon ein Jahrzehnt zuvor. Das Haus, das er bis vor kurzem führte, liegt keineswegs in solch abendlichem Lichte da. Mehr Gegenwart war nie, könnte man dem Programm von Suhrkamp mühelos bescheinigen. Wenn es darauf ankäme, das geistige Leben der Zeit allein mit Büchern aus der Frankfurter Lindenstraße zu verstehen, wäre man für fast jede intellektuelle und literarische Debatte bestens gewappnet. Und das ist dann doch wieder Unselds Verdienst, der nichts drucken ließ, was er nicht persönlich abgesegnet hatte – selbst wenn ihm viele Titel zutiefst fremd gewesen sein müssen und er wegen der Produktionsmasse gar nicht alles gelesen haben kann.

Wie es dem Goethe-Verehrer und Hesse-Narren gelang, mit Rainald Goetz den Vater einer ganzen Generation von Popautoren zu verpflichten, wie er zum Verleger von Niklas Luhmanns Systemtheorie wurde, von Michel Foucaults Untersuchungen zum Verschwinden des Menschen in den Strukturen und Jacques Derridas Dekonstruktivismus: Das ist vielleicht kein Rätsel, weil Unseld das Talent hatte, im richtigen Augenblick den richtigen Lektoren zu vertrauen. Aber es ist faszinierendes Anschauungsmaterial zum Widerstreit von Individuum und Geschichte, dem patriarchalisch durchgesetzten Willen einer Führungspersönlichkeit und dem Automatismus und der Eigendynamik von Prozessen. Siegfried Unseld blieb über all die Jahre Herr im eigenen Haus – und blieb es doch nicht. Die großen Geister, die er zu sich rief, wurde er, wenn sie ihm nach der Macht trachteten, auch wieder los. Die fehlgeschlagene Palastrevolution von 1968, mit der die Lektoren Walter Boehlich, Karl Markus Michel und Günther Busch ein quasisozialistisches Mitbestimmungsmodell durchsetzen wollten, ist ein gutes Beispiel. Auch Christoph Buchwalds Versuch, Ende der 90er Jahre als Verlagsleiter eine Popularisierung des Programms im Dienste der Verkäuflichkeit herbeizuführen, kollidierte mit den ehernen Qualitätsvorstellungen des Verlegers. Auf der anderen Seite gibt es literarisch fast nichts bei Suhrkamp, was es nicht gibt. Es wird nur nicht sofort mit der Marke, die der Verlag bildet, assoziiert.

In vieler Hinsicht ist die Innovationskraft des Hauses höher, als das Unseld-Image verspricht. Es sind – auch ökonomisch bittere – Tatsachen, dass etwa der amerikanische Romancier Denis Johnson bei Suhrkamp war, lange bevor er im Alexander Fest Verlag berühmt wurde. Oder dass der japanische Erzähler Haruki Murakami dort wenig bemerkt erschien, bevor ihn DuMont durchsetzte. An dieser Wahrnehmung ist die Öffentlichkeit nicht unschuldig. Sie wird zuweilen von einer Trägheit regiert, die es noch immer schafft, die „Gruppe 47“ als zentralen Bezugspunkt der literarischen Gegenwartskultur auszugeben und andererseits jeden dahergelaufenen Schriftsteller in den Saisonolymp zu heben. Unseld ist in diesem Zusammenhang der Repräsentant einer verblichenen Tradition und nicht der Ermöglicher, der er mindestens so sehr war. In der Lücke zwischen einer übermächtigen Vergangenheit und dem literarischen Kapital, das seit einem Vierteljahrhundert angesammelt wird, liegt Suhrkamps Zukunft – weit über Unselds Tod hinaus.

„German culture is Suhrkamp culture“: Der berühmte, in vielen Fassungen kolportierte und zuletzt wie eine Polemik klingende Satz gegen eine vermeintliche Monokultur trifft heute zu wie zu Suhrkamps – im Rückblick – strahlendsten Zeiten. Er hat nur insofern eine Bedeutungsverschiebung erlebt, als die Leitkultur, auf die er sich bezieht, zerbrochen ist. Mit dem Stiftungsmodell, das den Verlag rechtzeitig aus dynastischen Streitigkeiten befreit hat, lässt sie sich zwar nicht zurückerobern. Aber das, was Suhrkamp ist, kann es nun erst einmal auf Jahre hinaus bleiben.

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