Kultur : Herrschaftlich

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JAZZ

Solche Bilder lassen sich nicht vergessen: Bars mit Neonleuchten in türkis, hellgrüne Cocktails auf den Tischen, und die Frisuren: blond gefärbte Haare in Dauerwelle. So sahen sie aus, die Achtziger, zumindest im Film. Und so klangen auch die Soundtracks. Black Music versetzt mit Süßstoff plätscherte da über den Tresen, klebriger Synthetik-Jazz, verdorben von E-Bassisten, die ihre Qualität an der Anzahl der Saiten auf ihrem Instrument maßen. Dass heute Fusionmusiker noch immer Clubauftritte bekommen, mag verwundern. Kaum zu glauben aber ist es, dass Bassist und Bandleader Victor Bailey, einer der ganz schlimmen Angeber von damals, heute ein atemberaubendes Konzert gibt. Im Quasimodo übertritt er selbstsicher die Genregrenzen, und das gelingt ihm ausgerechnet durch Reduktion. Zwar sitzt Bailey ganz vorne auf einem Barhocker, doch von Wichtigtuerei, von rasenden Läufen und endlosen Bass-Soli keine Spur. Horizontal schichtet er seine Basslinien auf der Bühne auf, bis sie einen federnden Boden bieten für die Luftsprünge der Mitspieler. Bis auf den Schlagzeuger Chris Dave darf man sie All-Stars nennen: Jim Beard, der Keyboarder, läßt die Plastikklänge fast ganz beiseite und verpackt seine asymmetrischen Rhythmen in schlichtem Klavierklang. Dem Gitarristen Dave Gilmore will zwar nichts Originelles einfallen, aber immerhin spielt er sich ein paar Mal authentisch in Ekstase. Und Bennie Maupin, der Saxophonist und Bassklarinettist, hat nichts verloren von jenem Geist des Unfassbaren, mit dem er 1969 an der Schnittstelle zwischen Free Jazz und Rock gemeinsam mit Miles Davis das Album „Bitches Brew“ aufgenommen hatte. Hätten Fusiongruppen schon vor zwanzig Jahren mit so viel Verve gespielt, sie hätten sich weit weniger Feinde gemacht.

Johannes Völz

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