Kultur : Herz und König

Dem Schauspieler Walter Schmidinger zum 80.

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Dieser Mann ist ein Erlebnis. Wie er die winzige Bühne betritt, in der Bar jeder Vernunft, und den Kaiser Franz Joseph gibt ... Ach, er ist ein Kaiser oder König, das liegt in seinem österreichischen Wesen. Walter Schmidinger kam in einem Land auf die Welt, wo ein jeder einen Titel braucht. Wo der Schauspielerberuf zur Ehre gereicht. Ob im „Weißen Rössl“, jener Berliner Wahnsinnsmusicalproduktion von 1994, im Deutschen Theater, wo er Ödön von Horváths Zauberkönig spielte, oder am Berliner Ensemble, da war er der zauberhafte alte König in Robert Wilsons „Leonce und Lena“ – zuletzt hat Schmidinger stets die Monarchen hochgehalten.

Und das heißt bei ihm: Herrschaft des Komikers. Ohne Gnade. Ist es Ironie oder Verachtung, die in seiner Stimme liegt? Reißt er einen Witz oder sieht es todtraurig in ihm aus? Ist der Kerl irre oder unterhält er sich nur bestens? Schmidingers Figuren sind immer hochgradig ambivalent gewesen, wobei stets noch ein Drittes hinzukam. Ein Geheimnis. Etwas, das wenige Schauspieler besitzen. Nennen wir es einfach mal den Shakespeare’schen Ton. Der sich auch als Nestroy’sche Attacke materialisieren kann. Wer diesen Ton am Leib hat, ist bedrohlich. Und bedroht.

Schmidinger stammt aus Linz, und in biografischen Einträgen wird gern erwähnt, dass er seine berufliche Laufbahn als Dekorateur in einem Tuchgeschäft begann. Das wäre ein Spaß: Von diesem Lumpazivagabundus im Laden bedient zu werden. Oder vielleicht auch nicht. Dann erst kam die Schauspielschule und das langjährige Engagement in München, an den Kammerspielen und am Bayerischen Staatsschauspiel. Mitte der Achtziger geht Schmidinger nach Berlin, spielt Botho Strauß bei Peter Stein an der Schaubühne und wechselt schließlich ans Schillertheater, wo er 1993 den Crash miterleben muss, die Schließung und Auflösung des Ensembles. Die Staatlichen Schauspielbühnen Berlin waren damals morsch und in beklagenswertem Zustand ohnehin, die Zeit war über sie hinweggefegt. Aber dass einige herausragende Schauspieler, unter ihnen auch Schmidinger, heimatlos wurden, hat geschmerzt.

Mit ihm, der am heutigen Sonntag seinen 80. Geburtstag feiert, erlebt man verrückte Sachen. Wir trafen uns einmal zufällig am Wiener Flughafen, unterwegs zu einer Schlingensief-Premiere am Burgtheater. Herbert Fritsch war dabei und schlug vor, ein Taxi zu nehmen. Schmidinger aber ging majestätischen Schritts auf einen Herrn mit einem Schild vor dem Bauch zu: „Dr. Schmidinger“. Es wurde eine lustige Fahrt. „Bitte, meine Herren“, sagte Schmidinger und bat uns einzusteigen. Zum Fahrer sagte er: „Wir nehmen meine Brüder mit in die Stadt.“ Der Chauffeur wunderte sich über die Auskunft, dass wir alle vom Theater seien. Das passte nicht zu dem Dr. Schmidinger, den er in Schwechat abholen sollte und der da immer noch stand und nach seinem Namen Ausschau hielt.

Aber das ist Österreich. Das ist Schmidinger, dessen Gesundheit nicht mehr so recht mitspielt. Die Grandezza, die Frechheit ist ihm angeboren. Er kommt, und die Türen werden aufgerissen. Und das Herz geht auf. Rüdiger Schaper

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