Kultur : Herzkammerspiel

Peter Stephan Jungks etwas anderer Liebesroman

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Der 50. Geburtstag wird zum Tag der Wahrheit. Der Romanautor und Dramatiker Max David Villanders wird nach Jerusalem eingeladen; man wolle ihn und sein Werk dort mit einer Feier ehren, heißt es. Was ihm dort begegnet, ist allerdings keine formelle Feier, sondern seine komplette „Weiberliste“, wie er es selbst nennt. Leibhaftig, aus Fleisch und Blut; alle Frauen, mit denen Max jemals geschlafen hat. Und das waren nicht wenige. Seine Frau sagt daraufhin: „Raus aus meinem Zimmer.“ Nein, stimmt nicht, sagt das Herz. „Raus aus meinem Leben“, habe sie gesagt.

Max David Villanders Herz ist krank, ein Geburtsfehler. Früher hat ihn das zum Gespött gemacht, wenn die Mutter ihn vor aller Augen vom Sportplatz geführt hat. Daran gehindert, zu einem Don Juan mit stark bekiffter Jugendzeit zu werden, hat ihn das allerdings nicht. Die erste schwere OP hat er damals mit Glück überstanden; nun steht die zweite an. Und Villander schreibt sein Leben auf; eine jüdische Sozialisation zwischen den Ländern und Kontinenten. San Francisco, Wien, Salzburg, Jerusalem, schließlich Paris. Nicht unähnlich im Übrigen der Biographie des Schriftstellers Peter Stephan Jungk selbst, der spätestens seit seinem grandiosen Roman „Tigor“ (1991) weit mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, als er sie in der literarischen Öffentlichkeit erfährt.Das Herz wird zur zentralen Metapher des Romans, zum Lebens-, Liebes- und Leidensorgan. Und es spricht, es spricht tatsächlich, tritt in einen Dialog mit seinem Besitzer, mahnt, verbessert, plappert dazwischen, ruft zur Ordnung. Man mag das zunächst für einen etwas albernen Einfall halten; ein Gefühl, das nur kurze Zeit währt, weil Peter Stephan Jungk aus der dialogischen Konstellation heraus einen leichthändigen und im Wortsinne offenherzigen Roman geschrieben hat, in dem der Tod und die Abgründe schon aus rein medizinischen Gründen stets präsent bleiben.

„Das elektrische Herz“ ist nicht zuletzt auch eine Reflexion über das Schreiben selbst. Seine erotischen Abenteuer bringt Max nicht ganz freiwillig zu Papier, sondern darum, weil eine Frau eben dies zur Bedingung für eine Liebesnacht gemacht hat. So schließt sich der Kreis der Begierde. Und wenn die Herzen hier im Einklang schlagen, ist das ausnahmsweise kein Kitsch. Christoph Schröder

Peter Stephan Jungk: Das elektrische Herz. Roman. Zsolnay, Wien 2011,

192 Seiten, 18,90 €.

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