Kultur : Hier spricht Radio Andernach

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Von Silvia Hallensleben

„Es steht ein Haus im Kosovo, das ist zerbombt und leer“: Ein bisschen barbarisch klingt es schon, wenn Gunter Gabriel die altehrwürdige Hippie-Weise auf gutdeutschen KFOR-Sound bringt. Schließlich gehört der Song doch eigentlich Eric Burdon. Doch die Jungs in Prizren grölen mit, auch wenn ihnen vielleicht eine anschmiegsame Lady lieber wäre, die sich, wie bei den amerikanischen Kollegen, im Lauf der Schau auf den einen oder anderen Soldatenschoß platziert. Doch Verona kann ja nicht singen. Zarah lebt nicht mehr. Und die Kultur der Truppenbetreuung steht bei der Bundeswehr noch in den Anfängen. Direkte Konkurrenz hat Gabriel nur in der bataillonseigenen Rockband und im Truppen-Pfarrer, der beim Gottesdienst zur Klampfe Friedenslieder intoniert.

Etwa 5000 Soldaten sind seit Juni 1999 im Rahmen der Kosovo-Friedenstruppe im südkosovarischen Prizren stationiert. Ein umstrittener, zuletzt auch gefährdeter Einsatz. Doch um die politischen Implikationen deutscher Auslandseinsätze geht es den Filmemachern Ulrike Franke und Michael Loeken nicht, stattdessen um die ganz gewöhnlichen Dinge, die den Lageralltag zwischen Routine-Einsatz und organisierten Freizeitaktivitäten bestimmen. Die flotten Quatschtüten von „Radio Andernach“ und der Psychologe, der gegen eventuelle Suizidfälle und für die eigene Akzeptanz in der Truppe kämpft. Die Soldatenkneipen, die hier „Betreuungseinrichtungen“ heißen. Im Unterschied zu ihren Kollegen aus anderen Herkunftsländern dürfen die Bundeswehrler das Lager nach Feierabend nicht verlassen, um Komplikationen im Völkerverständigungsprozess zu vermeiden. Der Film besucht US-Einrichtungen und PX-Shops auch.

Dass sich unter oberflächlichen Trivialitäten der Alltagskultur Abgründe verbergen, haben Franke und Loeken vor einigen Jahren mit ihrem Dokumentarfilm „Und vor mir die Sterne“ (1998) gezeigt, der das Leben der Schlagersängerin Renate Kern auf die melodramatische Substanz ihrer eigenen Lieder brachte. 2001 folgte als Fernsehdokumentation das Off-Spin „Herr Schmidt und Herr Friedrich“ (2001), ein Porträt zweier von Kerns Schlagerfans als biederes Schwulen-Paar. Der neueste Film des Duos lässt zwischen Skurrilität und Besatzertristesse die Fragwürdigkeit militärischer Organisationsformen ebenso durchklingen wie die Arroganz der Besatzungstruppen gegenüber ihren Schützlingen, die etwa Geschlechtertrennung bei Durchsuchungsmaßnahmen als Versuch verkauft, ein bisschen Zivilisation auf den Balkan zu bringen. Kritik wird von den Offizieren schnell abgebügelt, wenn etwa Gabriel bei der Camp-Besichtigung einmal eine kritische Lippe riskiert. Die Filmemacher selbst halten sich so sehr zurück, dass man sich ein bisschen hartnäckigeres Nachhaken manchmal schon gewünscht hätte. Andererseits: Weiterdenken können wir selber. Und der heftigste Kommentar ist vielleicht der Titel: „Soldatenglück und Gottes Segen“ ist nämlich die Grußformel, mit der die deutschen Soldaten vom Kommandanten zu ihrem Afghanistan-Einsatz verabschiedet wurden.

Hackesche Höfe

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